Ein Hologramm für den König

Auf der Münchener Filmwoche bekommt man im Januar immer einen guten Überblick über die Produktionen des kommenden Jahres. Dort sahen wir letztes Jahr die ersten Minuten von Ein Hologramm für den König, die eine hinreißende, witzige Musicalnummer enthielten. Tom Hanks sang und tanzte zu Once In a Lifetime von The Talking Heads. Ein großartiger Anfang, der Lust machte, den Film in Gänze zu sehen. Leider habe ich es dann nicht geschafft, ins Kino zu gehen, aber jetzt, nach über einem Jahr, den Film endlich nachgeholt. Und was soll ich sagen? Die Musicaleinlage wurde auf einen Bruchteil ihrer Länge zusammengeschnitten und verstümmelt!

Irgendwie hielt sich danach mein Verlangen, den Film zuende zu sehen, in Grenzen. Zum Glück bin ich jedoch am Ball geblieben …

Ein Hologramm für den König

Die Finanzkrise hat Alan (Tom Hanks) hart erwischt, und die Scheidung von seiner Frau hat ihm den Rest gegeben. Alan ist pleite und muss einen neuen Job annehmen, nachdem die Firma, in der er zuvor tätig war, ihre Aktivitäten nach China verlagert hat – eine Entscheidung, die er selbst mit zu verantworten hat. Nun wird er nach Saudi-Arabien geschickt, um dem König ein holografisches Telefonsystem zu verkaufen, das erstmals in einer Retortenstadt am Meer eingesetzt werden soll. Doch nichts funktioniert wie geplant: Sein Team und er bekommen nicht die nötige Unterstützung vonseiten der Behörden, sein Ansprechpartner lässt sich ständig verleugnen, und wann der König sich blicken lassen wird, steht in den Sternen. Zudem plagt Alan eine Geschwulst am Rücken, die er insgeheim für alle seine Probleme verantwortlich macht. Zum Glück trifft er auf eine attraktive und kompetente Ärztin (Sarita Choudhury) und lernt gleichzeitig die lebenslustige Dänin Hanne (Sidse Babett Knudsen) kennen …

Nach allem, was ich so über den Film gehört hatte, erschien er mir wie die Wüstenversion von Warten auf Godot: grundsätzlich witzig gemeint, aber nichts, worüber man sich unbeschwert amüsieren kann. Doch Tom Tykwer, der auch das Drehbuch schrieb, überrascht mit einer leichten, beschwingten Erzählweise und einigen herrlich absurden Momenten. Also eher Beckett light.

Die Romanvorlage stammt von Dave Eggers, der sich hier mit der Finanzkrise und den Tücken der Globalisierung auseinandersetzt. Alan ist zugleich Täter und Opfer, in kurzen Rückblenden sieht man, wie er den Weggang seines Unternehmens aus Amerika der Belegschaft verkünden muss, die ihn mit versteinerten Mienen ansieht. Später erzählt er, dass die Chinesen sich zuerst ihre Technologie angeeignet und die Amerikaner dann auf dem Weltmarkt ausgestochen haben. Eine Supermacht wird wirtschaftlich in die Knie gezwungen und darf sich selbst die Schuld daran geben. Kein Wunder, dass Alan es diesmal besser machen will, aber die Chinesen sind mittlerweile überall …

Die absurden Verhältnisse vor Ort, die ständig verschobenen Treffen, die höflichen Lügen und die undurchschaubare Fassade der Freundlichkeit wirken surreal und befremdlich. Das spiegelt sich auch in der Umgebung wider, in Alans leerem, klinisch sauberem Hotelzimmer, die sich kaum von dem edel durchgestylten Krankenhaus unterscheidet, aber vor allem in der unvollendeten Retortenstadt, von der man nicht weiß, ob sie ein ehrgeiziger Traum oder eine Totgeburt ist. Endlos lange Straßen, die durch die Wüste zu einem Hochhauskomplex führen, der menschenleer ist, Arbeiter, die recht- und hilflos auf der Baustelle leben, und ein elegantes Apartment, das als Musterwohnung dient und sich genau so auch in Manhattan befinden könnte – Tykwer bedient hier die üblichen Klischees, bricht sie aber mit scharfen, durchaus kritischen Beobachtungen.

Für den Humor sorgt auch Alans Fahrer Yousef (Alexander Black), der den Amerikaner in manch groteske Situation bringt, aber immer für einen Lacher gut ist. Das ist allemal unterhaltsamer als die viel zu glatt ablaufende und im Kern durch recht unglaubwürdige Romanze zwischen Alan und seiner Ärztin und das Ende, das fast aus einem Märchen aus Tausendundeine Nacht stammen könnte.

Amüsanter und kurzweiliger Trip in eine bizarre Welt.

Note: 3+

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...