Das unerwartete Glück der Familie Payan

Bleiben wir diese Woche in Frankreich. Unsere Freunde von der anderen Seite des Rheins haben bekanntermaßen eine Schwäche für Komödien, neuerdings allerdings eher mit nachdenklichen oder kritischen Untertönen und weniger mit den Slapstick-Elementen, für die sie früher berühmt waren. Morgen startet ein Film, den ich bereits vorab sehen konnte und der mir ganz gut gefallen hat.

Das unerwartete Glück der Familie Payan

Nicole (Karin Viard) ist Ende 40, arbeitet als Kassiererin in einer Mautstation und ist ein bisschen genervt von ihrem Ehemann Jean-Pierre (Philippe Rebbot), der seit zwei Jahren arbeitslos ist und nur das Training seiner Turnmannschaft im Kopf hat. Zudem befürchtet sie, dass ihre Mutter (Hélène Vincent), die sie pflegt, langsam dement wird. Und ihre Tochter Arielle (Manon Kneusé), die vor sechs Jahren nach der Geburt ihrer Tochter wieder zu Hause eingezogen ist, macht keinerlei Anstalten, das Nest zu verlassen. Alles bleibt also an Nicole hängen, und dann entdeckt sie eines Tages, dass sie nicht in den Wechseljahren ist, sondern – schwanger …

Französische Komödien erfreuten sich auch bei uns schon immer besonderer Beliebtheit, die sich in den letzten Jahren – auch dank der Schwäche ihrer amerikanischen Pendants – noch weiter gesteigert hat. Meistens waren sie bunt, bourgeois und von einer leicht überspannten Fröhlichkeit, so als hätten die Macher während der Dreharbeiten ein bisschen zu viel Champagner getrunken. Die Wohnungen sahen immer modern und großzügig aus, die Kleider der Frauen waren der letzte Chic, und um Geld musste sich anscheinend auch nie jemand Sorgen machen.

Doch inzwischen gibt es immer mehr Komödien, die nicht bis ins letzte Detail durchgestylt sind, sondern einen Blick auf die mitunter recht triste Wirklichkeit werfen. Familie Payant gehört nicht zum wohlhabenden, von Neurosen geplagten Großbürgertum von Paris, sondern lebt in bescheidenen Verhältnissen in einer kleinen Küstenstadt, von der man nicht sehr viel mehr sieht als den Hafen und eine Mautstation.

Erst die finanzielle Not macht die Komödie möglich, denn mit genügend Geld für eine pflegerische Betreuung von Mutter und Baby wären die gröbsten Probleme der Familie gelöst. Natürlich geht es nicht um den schnöden Mammon, sondern darum, dass eine Familie zu sich selbst finden und den persönlichen Egoismus überwinden muss. Jean-Pierre ist vehement gegen das Kind und muss nun notgedrungen seinen Mann im Haushalt stehen, nachdem der Arzt seiner Frau strikte Bettruhe verordnet hat. Bald steht alles Kopf, und jeder weiß: ohne Mama läuft es nicht. Eine seltsam altmodische Erkenntnis.

Im Grunde weiß man bereits am Anfang, was sich alles ändern muss, damit diese Familie ihr Glück findet, und genauso kommt es auch mehr oder weniger. Die Dialoge sind allerdings flott, manche Sätze äußerst pointiert und angenehm kitschfrei. Und gegen Ende gibt es eine äußerst berührende Szene, die der leicht schrägen Komödie eine tiefsinnige Dramatik verleiht, die überraschend ist. Auch hier unterscheidet sich der Film von dem bekannten Strickmuster einer französischen Komödie, und genau das macht das Erfrischende daran aus.

Note: 3+

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...