Ihre beste Stunde

Filme übers Filmemachen sind immer schwierig umzusetzen. Jeder, der schon mal an einem Set war, weiß, dass Dreharbeiten eine einzige Geduldsprobe sind und man viele Stunden des Tages mit Warten verbringt. Nur in den wenigen Momenten, in denen die Kamera gestartet wird und die Action beginnt, kann man beobachten, wie Magie entsteht – wenn man Glück hat und kein Schauspieler seinen Text vergisst …

In den Kinos läuft gerade ein Film, der sich mit der Produktion eines britischen Durchhaltefilms aus dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt – was zunächst einmal ziemlich dröge klingt, aber wenn aus diesem Stoff jemand eine gute Dramödie machen kann, dann sicherlich die Engländer.

Ihre beste Stunde

Catrin Cole (Gemma Arterton) erhält während des Zweiten Weltkriegs unerwartet die Chance, als Autorin an einem Spielfilm mitzuwirken, der vom Heldenmut zweier Frauen erzählt, die mit ihrem kleinen Boot nach Dünkirchen gefahren sind, um die dort eingekesselten Soldaten zu retten. Eine Geschichte, die einerseits so nie passiert ist, wie Catrin schnell herausfindet, und die andererseits dann noch von den Drehbuchautoren verfälscht und umgeschrieben wird. Der Regierung, die den Film finanziert, ist in erster Linie wichtig, dass der Heldenmut aller Beteiligten gewürdigt wird, um den Durchhaltewillen der Bevölkerung zu stärken – und die Amerikaner zum Kriegseintritt zu bewegen. Catrin ist bald mittendrin im normalen Chaos einer Filmproduktion mit einem scharfzüngigen, aber liebenswerten Kollegen (Sam Claflin), einem alternden Star (Bill Nighy), der gerne die Diva gibt, und einem Verlobten (Jack Huston), der nicht so ganz mit ihrer neuen Tätigkeit einverstanden ist.

Die Rettungsmission von Dünkirchen scheint gerade wieder in aller Munde zu sein, handelt nicht nur Christopher Nolans neuer Film davon, sondern auch diese Produktion, wenngleich auch nur indirekt. Sie wirft auch ein breites Licht auf die Lebensumstände während des Krieges in London mit den ständigen Bombardierungen und der damit zunehmenden nervlichen Zermürbung der Bevölkerung. Diese sucht nach Abwechslung und Ablenkung, wird aber auch im Kino mit dem Kriegsalltag konfrontiert und auf schulmeisterliche, aufdringliche Art belehrt – was für unerwünschte Erheiterung sorgt.

Die Geschichte handelt aber auch vom Einsatz der Frauen, nicht nur in den Fabriken, sondern auch in anderen Bereichen, in diesem Fall in der Filmindustrie. Mit Phyl Moore (Rachael Stirling) gibt es einen wunderbar starrköpfigen, burschikosen Charakter, eine emanzipierte, offen lesbische Produktionssekretärin, die davon überzeugt ist, dass die Frauen ihre Plätze nach dem Krieg nicht so einfach wieder räumen werden, und die schon die gesellschaftlichen Verwerfungen dieser Zeit voraussieht. Es ist eine der interessantesten Figuren des Films, die zunächst herrisch und unsympathisch wirkt, die man aber immer mehr ins Herz schließt, je mehr man über sie erfährt. Überhaupt steht die Geschichte eindeutig auf der Seite der Frauen, die oft unterschätzt und geringschätzig behandelt werden und sich ihren Platz erkämpfen müssen, sei es in der Gesellschaft, im Beruf, in der Handlung eines Spielfilms oder im Herz eines Mannes. Das ist alles gut um- und in Szene gesetzt von der Regisseurin Lone Scherfing sowie den Autorinnen Gaby Schiappe und  Lissa Evans, die die Romanvorlage verfasst hat. Und die Musik von Rachel Portman ist wie immer das Tüpfelchen auf dem i.

Es ist nicht einfach, den Film in eine Schublade zu stecken. Ein Stück weit ist es die Geschichte einer Emanzipation, der Verwandlung von Catrin in eine moderne, selbstbewusste Drehbuchautorin, es ist aber auch eine Dreiecks-Liebesgeschichte, eine Erzählung über das alltägliche Leben im Krieg, über die Nöte und Eitelkeiten von Schauspielern sowie über die Entstehung eines Films. Fast zu viel für knapp zwei Stunden, zumal ich nicht alle Aspekte aufgezählt habe. Aber die Geschichte ist klug konzipiert, auch wenn sie im letzten Drittel nicht so recht zu einem runden, restlos befriedigenden Ende finden will und es immer wieder Brüche und angehängte Episoden gibt.

In erster Linie und einigen bekannten Klischees zum Trotz lebt der Film von seinen starken, lebensechten Figuren, die man schnell ins Herz schließt und denen man gerne durch die Wirren des Krieges (dem echten und dem des Filmemachens) folgt. Es gibt viele kluge Momente, scharfsinnige Beobachtungen, einige Bonmots zum Thema Film, überraschend viel Humor und noch mehr Emotionen.

Mit einigen kleinen Abstrichen ein schöner, warmherziger und berührender Film.

Note: 2-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...