Baby Driver

Baby Driver ist sicherlich einer der spannendsten Neustarts in diesem Monat. Er passt zudem perfekt in diesen Sommer, der dominiert wird von rasant geschnittenen, mit einem Augenzwinkern erzählten Actionfilmen, von denen mit Atomic Blonde und Killer’s Bodyguard noch zwei weitere folgen werden. Weil ich neugierig war, hab ich ihn mir gleich am Starttag angesehen.

Baby Driver

Seit er dem kriminellen Mastermind Doc (Kevin Spacey) ins Handwerk gepfuscht hat, muss Baby (Ansel Elgort) für ihn als Fahrer bei verschiedenen Raubzügen arbeiten, um seine Strafe abzuleisten. Doc sieht in Baby so etwas wie seinen persönlichen Talisman, denn mit dem begnadeten Fahrer, der seine für jede Tat individuell zusammengestellten Teams vor dem Polizeizugriff bewahrt, hat er ein unschlagbares As im Ärmel. Doch nachdem Baby seine Schuld abgezahlt hat, will er aussteigen, denn er hat sich in die charmante Kellnerin Debora (Lily James) verliebt. Doc zwingt ihn jedoch zu einem weiteren Coup, zusammen mit dem psychopathischen Bats (Jamie Foxx) sowie dem Pärchen Darling (Eiza Gonzáles) und Buddy (Jon Hamm), die zusammen eine explosive Mischung ergeben …

Autor und Regisseur Edgar Wright geht gleich zu Beginn in die Vollen, indem er den Zuschauer hautnah an der Flucht von einem Raubüberfall teilhaben lässt, bei dem Baby zeigen kann, was er als Fahrer drauf hat. Das ist großes Actionkino, das gleichzeitig spielerisch leicht wirkt – quasi kinderleicht. Baby ist ein faszinierender Charakter, der zur Legende überhöht wird: Als Kind überlebte er den tödlichen Unfall seiner Eltern und trug einen Tinnitus davon, den er zu übertönen versucht, indem er unentwegt Musik hört.

Diese akustische Abschottung von seiner Umwelt, gepaart mit dem exzentrischen Tick, permanent eine Sonnenbrille zu tragen, lässt ihn cool, abgeklärt und arrogant wirken und provoziert bei seinen kriminellen Partnern schnell Aggressionen. Leider bekommt man so gut wie keinen Blick hinter diese coole Fassade, denn wenn Baby nicht wie der Teufel Auto fährt, verhält er sich wie ein Engel, kümmert sich rührend um seinen kranken Pflegevater und wirbt selbstbewusst und erfolgreich um die Gunst einer Kellnerin. Richtige Ecken und Kanten oder Schwächen hat die Figur nicht. Baby ist vielmehr ein Abziehbild des jugendlichen Helden, wie ihn Hollywood seit den Fünfzigern propagiert: Jung, selbstbewusst, wenn auch gelegentlich von Selbstzweifeln geplagt, talentiert und vor allem verdammt cool.

Alles in diesem Film ist bigger than life: Die Verfolgungsjagden sind choreografische Performances, die Figuren erinnern mit ihren noms de guerre an ikonografische Gangsterfilme wie Reservoir Dogs, und auch die Inszenierung lässt keine Spielerei aus, um den Zuschauer zu beeindrucken. Das gelingt Wright immerhin hervorragend, vor allem in der ersten, stringenteren Hälfte. Nach der großartigen Actionszene zu Beginn folgt eine endlose Kamerafahrt, die an ein Musikvideo erinnert und den Inhalt des Songs in Szene setzt. Leider geht Wright in der zweiten Hälfte ein wenig die Fantasy aus, es kommt zwar noch zu einer weiteren temporeich inszenierten Verfolgungsjagd, diesmal zu Fuß, aber es gibt auch viele Wiederholungen, und der Showdown ist enttäuschend schlicht, dafür unnötig brutal.

Die schauspielerischen Leistungen sind durchweg gut, auch wenn das Buch den Akteuren nicht viele Möglichkeiten lässt, jenseits der Darstellung eines bestimmten Typus zu agieren. Neben den genannten Schwächen in der zweiten Hälfte, schludert das Buch gelegentlich auch hier: Mit Jon Bernthal und Jamie Foxx gibt es gleich zwei explosive Charaktere, und auch Jon Hamm fällt eher in die Kategorie Psychopath – da wäre ein wenig mehr charakterliche Vielfalt besser gewesen. Das Verhalten von Doc erscheint nicht immer logisch, und auch die zarte Liebesgeschichte zwischen Baby und Debora kann nicht ganz überzeugen, weil sie eher an einen romantischen Song erinnert als an eine realistische Beziehung. Aber wirklich störend ist das alles nicht, weil man zu diesem Zeitpunkt schon längst dem Charme dieses Films erlegen ist.

Trotz einiger kleiner Defizite ist Wright ein höchst unterhaltsamer Sommerfilm gelungen.

Note: 2-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...