Scandal

Alles neu macht der Mai, sagt der Volksmund, beim Fernsehen ist es aber eher der Herbst, der einem neue Sendungen präsentiert. Nach der langen, langen Sommerpause, die ungefähr von Mitte April bis Mitte September dauert (die Verantwortlichen bei den Sendern haben die Klimaveränderungen der Zukunft bereits verinnerlicht und bereiten uns schon auf die endlosen Sommer der 2040er Jahre vor), starten nun wieder neue Serien.

Eine, die am Montag neu ins Programm von Super RTL genommen wurde, heißt Scandal und wurde uns von einigen Freunden in den USA bereits schmackhaft gemacht. Es geht um eine Anwältin und ehemalige Mitarbeiterin des Weißen Hauses, die die Probleme ihrer Klienten löst, ohne dabei vor Gericht zu gehen. Sie betont, dass sie und ihre Kollegen keine Anwaltskanzlei betreiben, sondern eine Beratungsfirma, was so spitzfindig formuliert ist, dass es nur von einem Anwalt stammen kann. Die Idee dahinter ist, sich von den unzähligen anderen Anwaltsserien abzugrenzen, neu und furchtbar innovativ zu wirken, während man gleichzeitig genau das macht, was alle anderen auch machen, nämlich Fälle lösen. Ein klassisches Procedural mit jeweils abgeschlossenen Folgen also.

Verglichen mit dem schicken Look der Kanzleien in The Good Wife, Suits oder weiland Abby McBeal sieht es hier geradezu bescheiden aus, auf eine postmoderne Art schäbig, aber gleichzeitig natürlich cool. Mit schnellen Schnitten wird Tempo suggeriert, dabei dreht sich vieles nur um simple Informationsbeschaffung, wie man es hundert Mal zuvor gesehen hat. Alter Wein in neuen Schläuchen also. Die Fälle haben gesellschaftspolitische Brisanz, aber nur, wenn man in den USA lebt (und für diesen Markt wurde die Serie schließlich konzipiert): Da geht es um einen heimlich schwulen Kriegsheld, der in die Politik gegangen ist, und die Puffmutter der politischen Elite. Spätestens jetzt ist klar, dass die Serie in Washington spielt, auch wenn man das ansonsten kaum merkt.

Vermutlich auch deshalb gibt es einen Nebenplot, der sich um das Weiße Haus dreht. Die Hauptfigur, von Kelly Washington gespielt, war nämlich Communications Director des Präsidenten, hat den Wahlkampf mitbestimmt und ihn so überhaupt ins Amt gebracht. Umgangssprachlich kann man sagen, sie ist ein Troubleshooter. Und nicht nur ein ganz gewöhnlicher, sondern der allerbeste. Quasi Wonderwoman, nur in Designerkostümen (die – Achtung, Symbolik! – fast immer weiß sind). Außerdem war sie die heimliche Geliebte des Präsidenten (von Tony Goldwyn als eine Art JFK-Verschnitt gespielt), die immer noch Gefühle für ihn hat (er für sie, die „große Liebe seines Lebens“, natürlich auch, da gehen dann die Frauenherzen auf), gleichzeitig aber eine Affäre von ihm vertuschen soll. (Wer jetzt glaubt, dass ist ein bisschen zu dick aufgetragen, wird in jedem zweiten Satz an Clinton erinnert. Außerdem – wie heißt die Serie…?) Das ist der melodramatische rote Faden, der sich durch die erste Staffel zieht. Sex und Politik, lautet also die Lehre daraus, kann man auf einen Nenner bringen: Skandal. Kein Wunder, dass die Serie in den prüden USA so beliebt ist.

Die Figuren sind allesamt recht sympathisch, aber wie der Rest wirken auch sie wie am Reißbrett konstruiert: Da gibt es die Neue im Team, durch die wir in die Welt der Serie eingeführt werden, den Womanizer, der sich gerade zähmen lässt, den Technik-Nerd (Guillermo Díaz aus Weeds) und die schnippische Rothaarige, die in fast keiner Serie mehr fehlen darf. Kelly Washington ist ein bisschen zu taff, hasst Tränen (und vermutlich auch jede andere Gefühlsaufwallung) und lebt nur für ihren Job, gleichzeitig muss sie auch eine feminine, verletzliche Seite haben, weshalb ihr diese unglückliche Liebesgeschichte angedichtet wurde und sie heimlich weint, als ihr bester Freund seiner Liebsten einen Heiratsantrag macht. Das muss so sein, sonst würden die weiblichen Zuschauer sie ja hassen.

Erdacht wurde das Ganze von Shonda Rhimes, von der auch die Edel-Soap Grey’s Anatomy und deren Spin off Private Practice stammen. Interessant ist, dass sich Rhimes, obwohl Afro-Amerikanerin, einen weißen Präsidenten ausgedacht hat, während fast alle fiktiven Präsidenten der letzten Zeit schwarz oder wenigstens eine Frau waren (wann kommt eigentlich mal eine farbige Präsidentin an die Reihe? Angela Bassett wäre ideal für diese Rolle). Außerdem ist er noch Republikaner, allerdings einer von der kuscheligen Sorte und kein „religiöser Spinner“, wie ein anderer Republikaner sich in der zweite Folge abfällig über seine Kollegen äußerte. Vielleicht wäre das zu viel gewesen, schließlich wissen wir von Obama, dass ein schwarzer Präsident auch so schon jede Menge aushalten muss – ganz ohne Sex-Skandal.

Fazit: Kein Highlight, aber solider amerikanischer TV-Durchschnitt. Und angeblich sollen die ersten beiden Folgen die schwächsten der Staffel sein…

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...