Drei Hochzeiten und ein Vulkan

Das Wetter, ich muss es leider sagen, ist fantastisch. Schon morgens um neun Uhr ist es heiß und sonnig und das Thermometer kletterte am Samstag auf über dreißig Grad. Was macht man am besten bei dieser Hitze? Man fährt irgendwohin, wo es kühl ist.

Gleichzeitig ist unser Ziel auch ein sehr heißer Ort, allerdings erst in einigen Kilometern Tiefe. Ich rede natürlich vom Ätna. Die Fahrt dorthin dauerte nicht allzu lange, führte aber über abenteuerliche Straßen immer höher und höher hinauf. Irgendwann hörte dann die Vegetation auf, der Boden bestand nur noch aus schwarzer Vulkanasche, gesprenkelt mit zahllosen vertrockneten Grasbüscheln in einem gelblichen Braun. Hier und da wuchsen ein paar Büsche und sogar Bäume, aber die konnte man an beiden Händen abzählen.

AA12AA11Auf dem Weg Richtung Gipfel schienen wir fast die einzigen Besucher zu sein, nur um auf dem Parkplatz dann von Dutzenden Fahrzeugen überrascht zu werden. Ein paar Autos stammten sogar aus Deutschland, eines davon aus Berlin. Es war richtig voll. Vom Parkplatz aus kann man wahlweise zum Gipfel wandern oder ein Teilstück mit einer Gondelbahn und ein weiteres mit einem Bus zurücklegen. Für das erste, rund sechshundert Meter lange Stück der Strecke verlangten sie dreißig Euro, der vierhundert Meter lange Rest kostete noch einmal so viel. Und dann ist man immer noch nicht ganz oben, sondern muss noch gut vierhundert Höhenmeter zu Fuß zurücklegen, über einen steinigen, mit Geröll übersäten Weg in fast dreitausend Metern Höhe. Weil wir weder die entsprechende Kleidung trugen noch sonderlich große Lust auf eine anstrengende Wanderung hatten, entschieden wir uns für die gemütliche Fahrt mit der Gondelbahn, die eine Viertelstunde dauerte und uns zu einer Hütte brachte, die halb Restaurant, halb Souvenirshop ist.

AA18Von dort aus wanderten wir noch ein kleines Stück weiter den Berg hinauf, um die herrliche Aussicht auf den gesamten Ostteil Siziliens zu genießen. Obwohl es ziemlich diesig war, konnte man tatsächlich die Südküste und das Meer dahinter erkennen. In gut zweieinhalbtausend Metern Höhe weht allerdings auch ein kräftiger Wind, der den Geruch von Schwefel mit sich trägt. Heute stand der Wind zum Glück günstig, so dass wir den Vulkan kaum riechen konnten, sondern nur das Restaurant weiter unten – es roch nach Pommes Frites.

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Bevor wir den Ätna wieder sich selbst und seinen düsteren Träumen überließen, wanderten wir noch um einen der kleineren Nebenkrater herum, der 1986 entstanden war. Dann ging es auf der anderen Seite des Berges wieder hinunter, zurück in das Chaos des sizilianischen Alltags.

AA16Nach all den Mühen hatten wir uns eine Belohnung verdient, weshalb wir in Nicolosi stoppten und Granita mit Brioche bestellten. Ich erwartete etwas in der Konsistenz von Wassereis oder geschabtem Eis, aber es erinnerte mich eher an ein Sorbet. Das Brioche war schön fluffig und noch leicht warm, und man benutzt es, um damit das Eis aus dem Becher zu löffeln. Herrlich erfrischend!

AA10AA14Am späten Nachmittag unternahmen wir noch einen kleinen Ausflug nach Acireale, der Stadt der hundert Glockentürme. Die Altstadt mit ihren malerisch verfallenen Barockbauten ist relativ überschaubar und besitzt drei sehr schöne Kirchen, die wir besichtigt haben. In zweien davon endete gerade eine Hochzeit – bereits die dritte, die wir an diesem Samstag sahen.

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AA9AA15Was mich immer ein wenig beunruhigt, ist die Tatsache, dass die Sizilianer das Konzept von Gehwegen nicht wirklich verinnerlicht haben. Meistens gibt es keine oder sie messen gerade mal zwei Handbreit, so dass man nicht auf ihnen laufen kann. Also muss man wohl oder übel auf der Straße gehen und sich gegen eine Hauswand drücken, wenn mal wieder ein verrückter Fahrer vorbeidonnert, also ungefähr alle drei Minuten. Auch Restaurants mit Außenwirtschaft haben es schwer, denn der Verkehr braust nur wenige Zentimeter an ihren äußeren Tischen vorbei. Ich kann mir vorstellen, dass es dabei schwer ist, in romantische Stimmung zu kommen …

In der Nähe der Stadt liegt ein winziger Fischerhafen namens Santa Maria la Scala, in dem wir zu Abend gegessen haben. Allzu viel konnten wir leider nicht von dem Ort sehen, denn um acht Uhr war es bereits stockdunkel, und die Städte sparen gerne an der Beleuchtung. Am Hafen steht eine Marienstatue auf einer hohen Säule, und es gibt viele Treppen, damit wäre der Name vermutlich schon erklärt. Es gibt dort außerdem ein gutes Fischrestaurant, in dem wir einen warmen Meeresfrüchtesalat und Spaghetti mit Shrimps gegessen haben. Bei der Bestellung kann man sich, wenn man mag, sogar die Tintenfische und sonstigen Meeresbewohner aussuchen, die dann ganz frisch für einen zubereitet werden.

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...