Oppenheimer

Barbenheimer ist ein Phänomen, das keiner vorhersehen, geschweige denn planen konnte, entstanden durch branchenübliches Counterprogramming und eine gesteigerte Erwartungshaltung gegenüber zwei Filmen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine handelt vom Vater der Atombombe, der andere von der Mutter aller Plastikpuppen, beide verkörpern ein Midcentury-Amerika, das sich anschickt, die Welt zu dominieren, sei es mit Waffen oder seiner Popkultur. Barbenheimer klingt wie die Verulkung illustrer Prominamen-Verschmelzungen und ist ein zufälliger, aber genialer Marketingcoup.

Einen der beiden Filme haben wir uns gleich zum Start angesehen, der andere wird demnächst vielleicht noch folgen, falls die Bewertungen weiterhin auf einem hohen Niveau bleiben. So richtig gespannt war ich weder auf den einen noch den anderen.

Oppenheimer

J. Robert Oppenheimer (Cillian Murphy) ist von der Quantenphysik fasziniert, muss aber zuerst nach England und später nach Deutschland gehen, weil sie nur in Europa gelehrt wird. Dort lernt er einige der bekanntesten Vertreter der noch jungen Disziplin kennen, wie Niels Bohr (Kenneth Branagh) oder Werner Heisenberg (Matthias Schweighöfer). Zurück in den USA baut Oppenheimer in Kalifornien ein neues Institut auf, das sehr schnell seinen Ruhm befördert. Seine Affäre mit der Kommunistin Jean Tatlock (Florence Pugh) und sein intellektuelles Interesse am Marxismus sorgen aber schon früh für Probleme mit der Regierung. Dennoch wird er im Zweiten Weltkrieg mit der Leitung des Manhattan-Projekts und mit der Entwicklung der Atombombe betraut.

Bio Pics haben, vor allem wenn sie sich mit einer komplexen Persönlichkeit beschäftigen, die ein ereignisreiches Leben geführt hat, allesamt das Problem, dass sich die Ereignisse vieler Jahrzehnte nur schlecht in einen abendfüllenden Spielfilm zwängen lassen und zudem fast nie einem dramaturgischen Muster folgen. Deshalb gehen neuere Bio Pics dazu über, nur einen bedeutenden Lebensabschnitt zu zeigen, wie etwa in Der lange Weg (mehr dazu morgen) oder Jackie, der sich mit der Zeit direkt nach Kennedys Ermordung beschäftigt und der Rolle, die dessen Ehefrau dabei spielt. Christopher Nolan geht jedoch eher den traditionellen Weg und schildert Oppenheimers Leben von seinem Studium bis zum Ende seiner Karriere.

Weil dies jedoch in chronologischer Reihenfolge etwas langatmig und vielleicht sogar langweilig werden würde, erzählt Nolan seine Geschichte, die auf der Biografie von Kai Bird und Martin J. Sherwin beruht, in zahlreichen verschachtelten Rückblenden. Andererseits erzählt Nolan fast alles in verschachtelten Rückblenden und schreibt vielleicht auch seine Einkaufslisten in dieser Manier. Die Story beginnt mit zwei Anhörungen im Washington der nicht näher benannten Nachkriegszeit. In der einen wird Oppenheimer nach seinen Kontakten zur kommunistischen Partei befragt und muss um die Erneuerung seiner Sicherheitsfreigabe bangen, in der anderen geht es um die Senatsanhörung zur Ernennung von Lewis Strauss (Robert Downey Jr.) zum Handelsminister. Problematisch ist dabei, dass man bei der einen lange rätselt, worum es eigentlich geht (ich hielt sie zunächst für eine Sitzung im Zusammenhang mit McCarthys Kommunistenjagd), und sich bei der anderen fragt, was sie eigentlich mit Oppenheimer zu tun hat.

Man sollte daher möglichst wach und ausgeschlafen und extrem fokussiert sein, um in den andauernden Redeschlachten nicht den Überblick zu verlieren. Es hilft, dass Nolan den einen Handlungsstrang in Schwarzweiß gedreht hat, aber es wäre noch hilfreicher gewesen, wenigstens einmal eine Jahreszahl einzublenden, um das Geschehen chronologisch besser verorten zu können. Mit der Zeit findet man sich zurecht, aber der Anfang ist unnötig verworren erzählt, und die vielen Namen, denen man lange keine Gesichter zuordnen kann (oder die man bei einem schwachen Namensgedächtnis schnell wieder vergessen hat), machen es einem nicht einfacher.

Die Rückblenden in Oppenheimers Studienzeit sind im Grunde völlig überflüssig. Sie dienen einerseits dazu, spätere Weggefährten einzuführen (und endlich die Namen mit Gesichtern zusammenzubringen), andererseits bereiten sie Oppenheimers Flirt mit dem Kommunismus vor. Dieser Aspekt ist recht interessant erzählt und wirft ein Schlaglicht auf seinen komplizierten und ambivalenten Charakter, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die ganze Angelegenheit etwas spröde ist. Vor allem seine intime Beziehung zu Tatlock soll daher vermutlich etwas Pepp in eine ansonsten recht akademische Story bringen, die von Quantenphysik handelt und meist nur palavernde Männer zeigt. Doch dem Mensch Oppenheimer mit seinen Begierden und Emotionen kommt man dennoch nicht näher.

Es heißt, Oppenheimer sei überaus charmant gewesen, aber Cillian Murphy lässt uns nichts davon spüren. Sein Oppenheimer bleibt ein grüblerischer, verschlossener Mensch, der selbst in seiner Ehe mit Kitty Harrison (Emily Blunt) kalt und distanziert wirkt. Emily Blunt hat zwar vor allem gegen Ende einige bemerkenswerte Auftritte, aber insgesamt hätte man aus dieser komplexen Beziehung noch viel mehr herausholen und Oppenheimer damit vielleicht ein menschlicheres Gesicht geben können. Statt jede kleine, wenn auch bemerkenswerte Episode aus seinem Leben zu erzählen (etwa die Geschichte mit dem vergifteten Apfel), wäre eine Konzentration auf die entscheidenden Handlungsstränge möglicherweise förderlicher gewesen. So wirkt alles ein wenig unüberlegt und überladen.

Als der Film in die Kinos kam, kursierte in den sozialen Medien eine Anekdote, die sich mit einem Kate Bush-Song (Heads We’re Dancing) beschäftigt, in dem eine junge Frau einen netten Abend mit einem sympathischen Tanzpartner verbringt und erst später erfährt, dass dies Adolf Hitler war. Inspiriert wurde sie dazu von einem Freund, der ihr erzählte, dass er einmal einen überaus charmanten und gebildeten Herrn auf einer Dinnerparty getroffen hatte, mit dem er sich gut unterhalten hat, ohne seinen Namen zu erfahren. Als er am nächsten Tag die Gastgeberin nach ihm fragte, erfuhr er, dass es Oppenheimer war, und er war schockiert, weil er sich gewünscht hätte, sich schärfer mit dessen Rolle beim Bau der Atombombe auseinanderzusetzen.

Diese Anekdote zeigt, wie kritisch, sogar feindselig die Welt gegenüber dem Mann eingestellt war, der die größte Massenvernichtungswaffe der Menschheitsgeschichte geschaffen hatte. Nolan geht darauf jedoch gar nicht ein, sondern stellt zum einen Oppenheimers eigene Skrupel und die moralische Last heraus, für den Tod Hunderttausender verantwortlich zu sein, die ihn nach dem Krieg umtreibt und sich gegen die Wasserstoffbombe positionieren lässt. Zum anderen macht er ihn zu einem Opfer politischer Intrigen. Dadurch wirkt Oppenheimer zwar sympathischer als er dargestellt wird, es erzählt aber auch nur die halbe Geschichte.

Erst mit der Gründung des Manhattan-Projekts findet die Story nach einem etwas konfusen und schlingernden ersten Drittel, in dem viel zu schnell und viel zu oft zwischen den Ebenen gewechselt wird, endlich einen Fixpunkt. Vor allem der Trinity-Test ist hochspannend und eindrucksvoll inszeniert, wie auch die exzellente Kamera von Hout van Hoytema maßgeblich zum Erfolg des Films beiträgt.

Und im letzten Teil fügen sich dann auch die Puzzlesteinchen zusammen, versteht man endlich die Bedeutung der beiden Anhörungen und welche Rolle Strauss in beiden spielt. So entspinnt sich, beinahe wie ein Epilog zur Geschichte der Entwicklung der Atombombe, noch eine politische Intrige, die auf der recht lächerlichen Annahme eines narzisstischen und rachsüchtigen Mannes beruht. Nolan erzählt diese Begebenheiten sehr dicht und spannend, aber man fragt sich unwillkürlich, ob dies nicht auch mit einer weniger verschachtelten Struktur möglich gewesen wäre.

Alles in allem ist Oppenheimer ein guter Film, für mich vielleicht sogar Nolans bislang bester, trotz eines verwirrenden Anfangs, unnötigen Schlenkern und zu vielen handelnden Figuren, die zu oft von Dingen ablenken, die vielleicht wichtiger gewesen wären. Er funktioniert jedoch gut als Mahnung in einer Welt, die möglicherweise mehr denn je vor einem finalen Atomkrieg steht.

Note: 2-

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.