Hello, Mr. President

Die Neunziger Jahre waren das letzte gute Jahrzehnt für Romantische Komödien. Von Pretty Woman (1990) über Vier Hochzeiten und ein Todesfall (1994), Tage wie dieser (1997) bis zu Notting Hill und Shakespeare in Love (beide 1999) gab es eine ganze Reihe großartiger Genre-Beispiele zu sehen, hinzu kamen noch Filme wie Während du schliefst, Die Brücken am Fluss, Titanic oder Besser geht’s nicht, die sich ebenfalls der Romantik verschrieben hatten. Heute ist das Angebot eher mau, die Komödien sind nicht wirklich lustig, und wenn es gefühlvoll werden soll, driften die Filme leider nur allzu oft in den Kitsch ab.

Da tut es gut, sich hin und wieder einen etwas älteren Film anzuschauen und in Erinnerungen zu schwelgen. Wobei „älter“ natürlich relativ ist. Zwanzig Jahre sind einerseits zwar eine furchtbar lange Zeit – die einem andererseits im Rückblick sehr viel kürzer erscheint. Einer der Filme aus der zweiten Reihe sozusagen, kein großer finanzieller Erfolg und auch kein Kult-Hit, aber solide gemachte Unterhaltung war 1995:

Hallo, Mr. President

Der verwitwete US-Präsident Andrew Sheperd (Michael Douglas) steht kurz vor dem Ende seiner ersten Amtszeit, als er sich in die Umweltlobbyistin Sydney Ellen Wade (Annette Benning) verliebt. Sich einfach nur zu einem Date zu verabreden, führt schon zu einem protokollarischen Hürdenlauf, eine gemeinsame Nacht beinahe zu einer Staatskrise, und der politische Gegner schreckt vor keiner Diffamierungskampagne zurück, um die Öffentlichkeit gegen das Paar aufzubringen.

Michael Douglas hatte von 1992 bis 2000 einen guten Lauf und drehte einen erfolgreichen oder zumindest unverwechselbaren Film nach dem anderen, darunter Basic Instinct, Enthüllung, die damals beide für Gesprächsstoff sorgten, Falling Down oder Traffic. Auch der immer noch unterschätzte Wonder Boys fällt in diese Ära. Sein Präsident Sheperd wirkt, verglichen mit den Ausnahmecharakteren dieser Produktionen, wie eine locker-leichte Fingerübung. Es macht Douglas augenscheinlich Spaß, den mächtigsten Mann der Welt zu spielen, der genug Charme besitzt, ein ganzes Land zu verzaubern, aber daran scheitert, seiner Herzdame einen Blumenstrauß zukommen zu lassen. Vermutlich gilt für den Film auch, dass er Glück mit dem Timing hatte: Nach der Lewinsky-Affäre, die sich interessanterweise ungefähr zur gleichen Zeit zugetragen haben muss, aber erst drei Jahre später für Furore sorgte, wäre der Film vermutlich nicht mehr möglich gewesen.

Der Autor von Hallo, Mr. President ist Aaron Sorkin, der zu diesem Zeitpunkt noch relativ neu im Geschäft war und hier sein Steckenpferd, die Politik, entdeckt zu haben scheint. Die Intrigen, politischen Manöver, das Taktieren im Senat, das mühsame Ringen um die nötigen Stimmen, all das, was den politischen Prozess in den USA ausmacht und was er später in seinen Hit-Serien The West Wing und The Newsroom so kongenial beherrschte, ist hier in den Anfängen zu finden. Sorkin orientiert sich an den Debatten und Figuren jener Zeit, greift sie auf und setzt sie raffiniert um. Auch der Idealismus, der bei vielen Charakteren unter ihrem berufsbedingten Zynismus durchschimmert und sich am Ende durchsetzt, wird hier bereits verwendet. Mit fast zwanzig Jahren Abstand ist es interessant zu beobachten, dass sich die USA Mitte der Neunziger mit denselben Themen wie heute beschäftigten – Umweltschutz und schärfere Waffengesetze – und sich seither auch nicht viel verändert hat. Es war, auch das fällt auf, eine andere Zeit, irgendwie unbeschwerter und einfacher, eine Welt ohne Twitter und die Folgen des 11. September.

Der Film funktioniert immer noch bestens als politisches Drama und auch als Liebesfilm, allerdings weniger als Komödie. Vieles hätte man leicht stärker auf die Spitze treiben können, auch wenn die Akteure (zu denen auch Martin Sheen, Michael J. Fox und Richard Dreyfuss zählen) gut gelaunt sind und exzellent spielen. Regisseur ist übrigens Rob Reiner, der mit Harry und Sally bewiesen hat, dass er mehr Sinn für Komik besitzt. Wie gesagt, es gab bessere RomComs in jenem Jahrzehnt, auch in jenem Jahr, dennoch ist Hallo, Mr. President ein launiger und sehenswerter Film.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...