Purely Belter – Ticket für ein Jahr

Das Leben ist zu kurz. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass mir als Kind öfter langweilig war, die Tage schienen dann endlos zu sein, man wusste nichts mit sich und seiner Freizeit anzufangen, fühlte eine bleierne Schwere in sich, ein dumpfes Gefühl, das jegliches Interesse abzutöten schien, und ging seinen Eltern wahnsinnig auf die Nerven. Und wenn man dann noch auf ein bestimmtes Ereignis wie Geburtstag oder Weihnachten warten musste, wurde das Gefühl sogar noch schlimmer.

Als Erwachsener kennt man keine Langeweile mehr. Man hat mit seiner Arbeit schon mehr als genug zu tun, muss ständig noch irgendwas nebenbei erledigen, eine wichtige E-Mail schreiben oder einen Anruf tätigen, einkaufen, kochen oder mal die Welt retten, und wenn man dann endlich Freizeit hat, weiß man nicht, wobei man sich als erstes entspannen soll. Sport? Lesen? Fernsehen? Kino? Essengehen mit Freunden? Kein Wunder, dass wir selbst in unserer Freizeit noch gestresst sind.

Mein SuB (Stapel ungelesener Bücher) ist mittlerweile fast so groß wie ich, im Wohnzimmer gibt es gleich mehrere Regale mit ungesehenen DVDs, und meine Listen bei den Streamingdiensten werden auch immer länger. Alle paar Wochen schaue ich mir dort die Neuerscheinungen an und setze einige weitere Titel darauf, weitaus mehr als ich wohl jemals anschauen kann. Von Zeit zu Zeit gehe ich sie durch, wenn ich Zeit für einen Film habe, und wähle dann nach Lust und Laune aus. Das immerhin ist ein großer Luxus.

Auf diese Weise bin ich auf folgenden Film gestoßen, von dem ich noch nie gehört hatte und dessen Grundidee ausgesprochen nett klang.

Purely Belter – Ticket für ein Jahr

Gerry (Chris Beattie) und Sewell (Greg McLane) sind begeisterte Anhänger ihrer lokalen Fußballmannschaft in Newcastle und wünschen sich nichts sehnlicher als Saisontickets. Doch zusammen kosten sie tausend Pfund und sind für die beiden Sechzehnjährigen, die aus sozial schwachen Problemfamilien stammen, absolut unerschwinglich. Dennoch versuchen sie, das Geld zusammenzukratzen, indem sie Schrott sammeln, betteln, stehlen und betrügen …

Zwei Underdogs und ein erklärtes Ziel, es braucht nicht viel für ein mitreißendes Cheerie Movie, und wenn es noch dazu aus England stammt, kann ja eigentlich nicht mehr viel schiefgehen. So ist der Film auch typisch britisch, eine solide Mischung aus Sozialkritik und sanftem Klamauk, für den die Filmemacher auf der Insel berühmt sind.

Gerrys Familie leidet unter einem gewalttätigen Vater, vor dem sie seit Jahren auf der Flucht sind, immer wieder aufs Neue untergebracht in abgewrackten Sozialwohnungen, immer in Angst vor Entdeckung. Die ältere Schwester ist in die Drogenszene abgerutscht und spurlos verschwunden, die Mutter krank und ausgebrannt. Gerry sehnt sich nach familiärer Wärme und einem liebenden Vater und beneidet seinen besten Freund um dessen Beziehung zu seinem Großvater, der sich rührend um ihn kümmert, nachdem seine Eltern abgehauen sind. Die Schilderung dieser Charaktere ist präzise und unsentimental und überaus gut gelungen, und die jugendlichen Darsteller schaffen es, dass man ihnen nahe ist, ohne sie allzu sehr zu bemitleiden.

Es gibt – Achtung, Spoileralarm – eine wunderschöne Szene, in der Gerry von seinem schönsten Erlebnis berichten soll und einen Nachmittag mit seinem Vater im Fußballstadion nacherzählt, der eine Zärtlichkeit und innere Verbundenheit vermittelt, die im krassen Gegensatz zu den anderen Erfahrungen steht. Erst später wird deutlich, dass Gerry diese Erinnerung von Sewell „geborgt“ hat, weil es schlichtweg nichts gibt, woran er sich mit Freuden erinnert. Diese schlichte Szene bricht einem schier das Herz und steht für die emotionalen Stärken des Films.

Leider kann die komödiantische Seite nicht mit dem Rest mithalten, und für ein richtiges Drama reicht es dann auch wieder nicht, weshalb der Film ein bisschen zwischen den Stühlen sitzt. Hin und wieder gelingt Regisseur Mark Herman, der am Drehbuch mitschrieb und von dem auch die Sozialkomödien Little Voice und Brassed Off – Mit Pauken und Trompeten sowie das KZ-Drama Der Junge im gestreiften Pyjama stammen, eine pointierte Szene oder ein netter Slapstick-Moment, aber insgesamt mangelt es dem Film an Timing und Tempo. Trotz ihrer guten Figurenzeichnung kommt die Geschichte nicht so recht in Fahrt, bleibt episodenhaft und erfüllt nicht immer die in sie gesetzten Erwartungen. Zum Glück bekommt sie gegen Ende gerade noch rechtzeitig die Kurve, um einen wieder versöhnlich zu stimmen.

Note: 3-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...