Broadway Therapy

Letzte Woche habe ich über Wie-Filme gesprochen, und kürzlich habe ich einen gesehen. Als großer Fan der eleganten, temporeichen und ungemein witzigen Screwball Comedys der Dreißiger und Vierziger hoffe ich immer wieder darauf, wenigstens einen Bruchteil dessen, was die Qualität dieser Filme ausmacht, in einer heutigen Komödie zu finden. Allein, der Zeitgeist ist wohl gegen mich …

Diese Art der Komödie ist einige Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ausgestorben, was vor allem damit zu tun hat, dass sie ihres Hauptthemas verlustig gegangen sind. Meistens waren diese Filme eine bissige Auseinandersetzung mit den Geschlechterrollen: starke, kultivierte Frauen beweisen, dass sie den Männern in jeder Beziehung ebenbürtig, meistens jedoch eindeutig überlegen sind. Okay, am Ende werden auch sie durch die Ehe gezähmt, aber in den Fünfzigern hatten sie nicht einmal mehr eine Chance zur Rebellion, sondern konnten allenfalls ihre Cleverness zur Schau stellen, wie es Doris Day in ihren turbulenten Komödien seinerzeit getan hat. Und mit dem Aufkommen des Feminismus ist der Kampf dann endgültig politisch und bierernst geworden.

Dennoch gab es noch den einen oder anderen Versuch, diese Form der Komödie am Leben zu erhalten, doch die meisten waren zum Scheitern verurteilt. Das letzte gelungene Beispiel einer Screwball Comedy war Isʼ was Doc? Umso erfreulicher, dass sich Peter Bogdanovich vor ein paar Jahren daran gemacht hat, eine zeitgemäße Version dieses Genres in die Kinos zu bringen.

Broadway Therapy

Die bekannte Schauspielerin Isabella (Imogen Poots) erzählt in einem Interview, wie sie vor einiger Zeit ihren Durchbruch hatte und enthüllt dabei eine chaotische, frivole Geschichte: Als Callgirl lernte sie eines Tages den Regisseur Arnold Albertson (Owen Wilson) kennen, der ihr nach einer gemeinsamen Liebesnacht dreißigtausend Dollar für einen Neuanfang gibt. Leider ahnt er nicht, dass Isabella das Geld nutzt, ihren Job aufzugeben und sich für die Rolle in einem Stück zu bewerben, das er gerade am Broadway aufführen will und in dem seine Frau Delta (Kathryn Hahn) die Hauptrolle spielt …

Der Aufhänger der Story ist vielversprechend, denn nichts sorgt für mehr Sprengstoff als ein brisantes Geheimnis und für mehr turbulente Verwicklungen, als es sorgsam vor der Umwelt verbergen zu müssen. Bogdanovich, der zusammen mit seiner Ex-Frau Louise Stratton auch das Drehbuch verfasste, sah noch weitere Komplikationen vor: So erfährt Seth (Rhys Ifans), der ebenfalls in dem Stück auftritt, von Arnolds Geheimnis und nutzt es, um ihm seine Frau ausspannen zu wollen, mit der er vor langer Zeit eine Affäre hatte. Dann gibt es noch Joshua Fleet (Will Forte), den Autor des Stückes, der sich in Isabella verliebt und dadurch seine Beziehung zur jähzornigen, egoistischen und denkbar inkompetenten Therapeutin Jane (Jennifer Aniston) zerstört. Diese wiederum behandelt sowohl Isabella als auch einen ihrer ehemaligen Kunden, der sie seitdem stalkt und von einem Privatdetektiv überwachen lässt, der sich als Joshuas Vater entpuppt. Alles klar?

Es gibt eine Menge Verwicklungen, die allein von der Anzahl der zufälligen Begegnungen aller Beteiligten überboten wird. Und das ist eine der vielen Schwächen des Drehbuchs, das immerhin behauptet, dass New York zwar viele Millionen Einwohner hat, man aber immer wieder dieselben Leute trifft, was man mit der Zeit einfach nicht mehr glauben kann. So scheint Manhattan nur über ein einziges Hotel zu verfügen und ein einziges Restaurant, in dem die Akteure sich dann über den Weg laufen. Das wirkt leider ziemlich gezwungen.

Auch sonst scheint vieles nur behauptet zu sein: Arnolds Masche, einen Seitensprung mit einer philanthropischen Aktion zu verbinden und Frauen auf diese Weise von der Straße zu holen, ist schlichtweg unglaubwürdig. Die Autoren machen sich nicht einmal die Mühe, sein Verhalten in irgendeiner Weise psychologisch erklären zu wollen, und auch die unwillkürlich auftretende Verliebtheit, die sich bei manchen Figuren so plötzlich wie eine Viruserkrankung einstellt, ist schwer vermittelbar.

Einige Gags wirken zudem reichlich altbacken, man könnte sie aber auch als Hommage an manch lang vergangene Albernheit auffassen, etwa die seltsamen Kostüme des Privatdetektivs, der nicht einmal vor einem auffälligen falschen Schnurrbart zurückschreckt, um sich zu verkleiden. Diese Auslassungen sind trotzdem recht charmant, und man könnte gut über sie hinwegsehen, wenn wenigstens der Rest witzig und einfallsreich wäre. Aber das ist leider nicht der Fall. Die Dialoge werden zwar schnell gesprochen, lassen aber dafür an Witz und Einfallsreichtum zu wünschen übrig. Viel schlimmer ist jedoch, dass die Story nach zwei Dritteln praktisch implodiert, weil bis dahin alle Geheimnisse gelüftet sind und keiner mehr so recht weiß, was jetzt noch passieren soll.

Im Grunde kann man nur sagen: Bogdanovich hat sich immerhin bemüht und scheitert dank seiner großartigen Besetzung, zu der noch viele bekannte Namen (darunter Richard Lewis, Cybill Shepard, Illeana Douglas, Debie Mazar, Tatum O’Neal, Michael Shannon, Jennifer Esposito und Quentin Tarantino) auch in kleinen und kleinsten Rollen zählen, auf hohem Niveau. Es ist schade, weil die Referenzen an die großen Vorbilder gegeben sind, die in Zitaten und Anspielungen immer wieder auftauchen – und gerade dadurch den Film so klein und unbedeutend erscheinen lassen.

Ja, Peter Bogdanovich hat die letzte, richtig gute Screwball Comedy gedreht – aber es ist nach wie vor Isʼ was Doc?

Note: 4+

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...