Your Name: Gestern, heute und für immer

Vermutlich habe ich es schon mehrmals erwähnt, aber ich bin kein großer Anime-Fan. Selbst westliche Animationsfilme reißen mich nicht unbedingt vom Hocker, obwohl ich mir hin und wieder einen ansehe, wenn mich die Geschichte interessiert oder der Trailer überzeugt hat. Grundsätzlich sind mir Schauspieler aus Fleisch und Blut lieber als gezeichnete Helden, und das Kindchenschema im Entwurf der japanischen Figuren ist mir ebenfalls viel zu süßlich. Letzten Endes ist es Geschmackssache, und ich bin sicher, es gibt hervorragende Animes mit vielschichtigen Charakteren und komplexen Geschichten, die gut erzählt werden.

Vergangenes Wochenende ist der japanische Über-Blockbuster Your Name: Gestern, heute und für immer limitiert gestartet, und da er in vielen Ländern außerordentlich erfolgreich war und der Trailer eine interessante Geschichte vermuten ließ, haben wir ihn uns angesehen. Dabei hatten wir Glück, denn die ersten Vorstellungen waren schnell ausverkauft, aber unser Multiplex hat noch zusätzlich eine Sonntagsmatinee eingeschoben.

Your Name: Gestern, heute und für immer

Mitsuha ist ein junges Mädchen, das zusammen mit seiner kleinen Schwester bei ihrer Großmutter in einer Kleinstadt auf dem Land lebt. Taki ist ein junger Mann in Tokyo, der die Oberschule besucht und nebenbei in einem Restaurant jobbt, in dessen Managerin er heimlich verliebt ist. Eines Tages passiert etwas Ungewöhnliches: Beide erwachen im Körper des anderen. Zum Glück dauert dieser Körpertausch nur einen Tag, und als sie am nächsten Morgen erwachen, können sie sich an nichts erinnern. Doch ihre Freunde erzählen ihnen von ihrem seltsamen Verhalten, und mit der Zeit tüfteln sie ein paar Regeln aus, hinterlassen sich Nachrichten auf dem Handy und gewöhnen sich an diese Situation. Mitsuha hilft Taki sogar, sich seiner heimlichen Liebe zu erklären, obwohl sie dabei eifersüchtig ist. Doch dann bleibt der Körpertausch plötzlich aus, und Taki macht eine Entdeckung, die sein Leben auf den Kopf stellt …

Auf den ersten Blick handelt es sich bei dem Film um eine der üblichen Body Switch-Komödien à la Freaky Friday, wenn auch mit der Besonderheit, dass die Betroffenen nur jeden zweiten Tag die Körper tauschen und sich anschließend nicht mehr daran erinnern können. Das ist hübsch ausgedacht von Makoto Shinkai, der nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch und die Romanvorlage geschrieben hat, denn Teenager sehen sich ohnehin den vielfältigen Veränderungen ihrer Körper in der Pubertät ausgeliefert, so dass diese Geschlechterverwirrung hervorragend dazu passt. Außerdem ist es ein netter running gag, wenn Taki jedes Mal als erstes seine Brüste anfasst, um sich davon zu überzeugen, dass er in einem fremden Körper steckt.

Man schließt die beiden heranwachsenden Protagonisten mit ihren Sorgen und Nöten sehr schnell ins Herz. Zum Glück hält sich Shinkai nicht allzu lange damit auf, die Verwicklungen, die der Tausch unweigerlich mit sich bringt, das Staunen der Umwelt, die Probleme, sich in einem fremden Leben zurechtzufinden, aber auch die Mechanismen, wie sie damit umgehen, ausführlich zu erklären. Als Zuschauer akzeptiert man schnell diese Magie, die die beiden zusammenführt, und dazu gibt es noch einige Erläuterungen von Mitsuhas Großmutter zum Thema spiritueller Verbundenheit. Als sichtbares Symbol fungiert dabei ein Band, gewebt nach den Traditionen von Mitsuhas Heimatdorf, das sie als Haarband trägt und später in den Besitz von Taki gelangt.

Den zentralen Wendepunkt zu verraten, hieße, der Geschichte die größte Überraschung zu nehmen, weshalb hier natürlich darauf verzichtet wird. Teilweise ahnt man schon, worauf Shinkai hinauswill, weil die Story natürlich nicht so einzigartig ist, dass einem nicht sofort einige Filme einfallen, die hier Pate gestanden haben, aber die Umsetzung ist zauberhaft und gut gelungen. Zum Ende hin wird es sogar noch richtig spannend, auch wenn die innere Logik bisweilen arg strapaziert wird, und Shinkai gelegentlich auf seine eigenen Regeln pfeift. Das ist zwar schade, aber nicht wirklich ärgerlich, ebenso wenig wie der etwas zu sehr ausgewalzte Schluss.

Auch wenn man, wie ich, nicht viel mit Animes am Hut hat, sollte man sich diese poetische und berührende Geschichte nicht entgehen lassen.

Note: 2-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...