Der unsichtbare Gast

Ich liebe Filmempfehlungen, vor allem von Leuten, deren Geschmack ich kenne. Problematischer ist es hingegen, wenn man zu wenig Ahnung von den persönlichen Vorlieben mancher Mitmenschen hat, dann ist eine solche Empfehlung immer eine Wundertüte. Aber auch Überraschungen können ja spannend sein …

Neulich wurde mir Dinner for One – Eine mörderische Party mit David Hyde Pierce ans Herz gelegt, ein Thriller, der ungewöhnlich und anders sein sollte. Den Schauspieler kannte ich noch aus Frasier, die Geschichte über einen Bankräuber, der Zuflucht im falschen Haus sucht, klang zumindest vielversprechend, und der imdb-Wert war mit 6,8 gerade noch an der unteren Grenze – also warum nicht? Um es kurz zu machen: Der Film ist furchtbar. Das Drehbuch ist überambitioniert, und man kann sich die Begeisterung der beiden Autoren direkt vorstellen, die eine solide, wenn auch nicht besonders originelle Grundidee genommen und dann überlegt haben, welche überraschenden, noch nie dagewesenen Wendungen die Handlung noch nehmen könnte. So landet der Räuber nicht nur bei einem Psychopathen mit gespaltener Persönlichkeit, der mit seinen rund dreißig alternativen Ichs eine Party feiert, sondern der sich später auch noch als der Vorgesetzte jener Polizisten entpuppt, die den Raubüberfall aufklären sollen. Die Geschichte zog sich wie Kaugummi, die Dialoge waren furchtbar und wurden noch dazu von einer Billig-Synchronisation verhunzt, und am Ende hat rein gar nichts mehr Sinn ergeben. Also eine klare Empfehlung von mir: Seht euch nicht diesen Film an!

Als Abonnent von Streamingdiensten bekommt man von diesen ebenfalls viele Empfehlungen – und manchmal entdeckt man dabei sogar den einen oder anderen ordentlichen Film, wie diesen spanischen Thriller.

Der unsichtbare Gast

Der spanische Unternehmer Adrián Doria (Mario Casas) ist des Mordes an seiner Geliebten Laura (Bárbara Lennie) angeklagt. Zusammen mit einer Anwältin (Ana Wagener), die auf die Vorbereitung von Zeugen spezialisiert ist, soll er kurz vor Prozessbeginn seine Aussage durchgehen, um eine möglichst plausible Erklärung für den Mord abzuliefern. Denn Adrián wurde zusammen mit der Leiche in einem verschlossenen Hotelzimmer entdeckt …

Die Umstände des Mordes erinnern an einen Fall von Sherlock Holmes, die Geschichte, die Adrián seiner Anwältin hingegen erzählt, an Fegefeuer der Eitelkeiten – nicht die schlechtesten Vorlagen für einen Thriller, der voller überraschender Wendungen steckt. Ich will hier aber nicht zu viel über die Story verraten, denn je weniger man weiß, desto besser.

Mich hat ein wenig gestört, dass sich Adrián und Laura in der Ausgangssituation nicht nur moralisch falsch verhalten, sondern auch ausgesprochen dämlich, und wenn ich etwas nicht leiden kann in Filmen, dann Figuren, die etwas tun, von dem sie genau wissen, wie bescheuert es ist. Aber ohne dieses Fehlverhalten hätte es keine Geschichte gegeben, und man muss ihnen zugute halten, dass sie unter enormem Druck stehen. Wie es in vielen Thrillern so ist, zieht dieser eine Fehler noch eine Menge weiterer nach sich, bis die Protagonisten sich in einem Geflecht aus Lügen und Verbrechen verstrickt haben. Eine weitere, klassische Zutat ist der heimliche Beobachter, der sie erpresst und den Druck auf sie noch weiter erhöht, und auch diese fehlt natürlich nicht.

Die Spannung resultiert in erster Linie aber nicht aus der Frage, wer der geheimnisvolle Erpresser ist (hier hätte sich Autor und Regisseur Oriol Paulo ruhig noch ein paar Verdächtige mehr einfallen lassen können), sondern wem man in der Geschichte trauen kann. Alle scheinen zu lügen, auch der Erzähler Adrián, und alle sind verdächtig, was den Film bis zum Ende in der Schwebe lässt.

Besonderes Lob verdienen vor allem noch die Kamera von Xavi Giménez und die Musik von Fernando Velázquez, die den Film über den Durchschnitt hinausheben. Nur der deutsche Titel ist etwas befremdlich und erschließt sich nicht wirklich, da passt der Originaltitel Contratiempo (laut Wörterbuch ein widriger Umstand, Missgeschick oder Rückschlag) schon sehr viel besser.

Sicher, das alles hat man schon gesehen, und auch das überraschende Ende kann man bereits einige Zeit vorher erahnen, aber das tut dem Vergnügen keinen Abbruch. Bisweilen erklärt das Buch ein wenig zu viel und beantwortet Fragen, die man sich gar nicht gestellt hat und die eher verwirren, aber das ist eine Eigenheit des spanischen Thrillers, wie man sie kennt. Alles in allem ist es ein solider, verzwickter Thriller, den man als Genrefan gesehen haben sollte. Zu sehen bei Netflix.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...