The Wicker Man (1973)

Die Zeiten ändern sich und mit ihnen auch die Mode. Das gilt natürlich auch für Filme, deren Themen ebenso dem Zeitgeschmack unterliegen wie die Mittel, mit denen sie ihre Geschichten erzählen. Und natürlich entwickeln sich die Genres auch immer weiter, bestimmte Konventionen und Techniken sind bei ihrem erstmaligen Einsatz innovativ, werden dann immer wieder aufgegriffen, modifiziert und abgewandelt, bis sie Gefahr laufen, irgendwann zum Klischee zu erstarren.

Gerade das Horrorgenre hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert und passt sich immer wieder neu den jeweiligen Zeitströmungen an. Einen Film wie Get Out hätte es so vor zehn Jahren sicherlich nicht gegeben, und in zehn oder mehr Jahren wird seine Rezeption vermutlich ebenfalls eine ganze andere sein. Vielleicht wird man sogar mit einer gewissen Amüsiertheit auf die Handlung zurückblicken, so wie es uns heute mit Filmen geht, die vor Jahrzehnten entstanden sind. Einen davon habe ich am Wochenende gesehen.

The Wicker Man

Ende April 1973 reist ein Polizeibeamter auf die abgelegene schottische Insel Summerisle. Sergeant Howie (Edward Woodward) wurde in einem anonymen Schreiben darüber informiert, dass auf dem Eiland ein junges Mädchen namens Rowan verschwunden sei. Seine ersten Nachforschungen ergeben aber, dass dieses Mädchen gar nicht existiert, sogar die vermeintliche Mutter leugnet, eine Tochter dieses Namens zu haben. Die Bewohner Summerisles wirken auf den ersten Blick verschroben und eng mit ihrer Heimat verbunden, auf den zweiten Blick offenbaren sich dem streng gläubigen Howie jedoch Abgründe: Vor rund hundert Jahren hat man auf dem Insel dem christlichen Glauben abgeschworen und praktiziert wieder die heidnischen, keltischen Bräuche – womöglich inklusive Menschenopfer. Ist Rowan vielleicht gar nicht verschwunden, sondern auf diese Weise ums Leben gekommen? Oder steht ihre Opferung womöglich erst noch bevor?

Die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen Ende der Sechzigerjahre haben das Vertrauen der Menschen in die Institutionen erschüttert, auch in die Kirche. Darüber hinaus haben sich alternative Lebensentwürfe entwickelt und die strengen Moralvorschriften gelockert. Der gläubige Howie verkörpert somit beides, den Staat und die christliche Religion, und der Film findet auf diese Weise zu seinem Thema.

Dass die Inselbewohner sich wieder der keltischen Religion zugewandt haben, geschah jedoch weniger aus Enttäuschung über das Christentum, sondern war der Verschrobenheit des Lords zuzuschreiben, der Mitte des 19. Jahrhunderts die Insel erwarb, um auf ihr neu gezüchtete landwirtschaftliche Produkte zu testen, die dem rauen Klima besser gewachsen sind. Weil die alten Bräuche für reiche Ernten gesorgt haben, blieben auch seine Nachkommen treue Anhänger der keltischen Religion. Sein Enkel (Christopher Lee) geriert sich daher ein wenig wie ein exzentrisches Sektenoberhaupt, auf dessen Land sich nackte Frauen im Park tummeln und in einem Fruchtbarkeitsritual durchs Feuer springen. Ein ähnlicher Brauch existiert auch in unseren Breiten, doch die Nacktheit ist ungewöhnlich und wird von Lee auf charmante Art damit erklärt, dass Kleidung zu leicht entflammbar wäre …

Dieses kleine Beispiel erläutert das Problem, das der Film aus heutiger Sicht hat. Einerseits ist die Grundidee für die damalige Zeit originell und vermischt gekonnt historische Fakten, überliefertes, immer noch praktiziertes Brauchtum und Fiktion zu einer melancholischen Melange, andererseits gibt er sich durch solche Erklärungen auch der Lächerlichkeit preis. Symbolisch betrachtet, repräsentiert die Nacktheit natürlich die (heidnische) Verbundenheit zur Natur, das Ausleben von Instinkten, die durch die strenge christliche Sexualmoral und Körperfeindlichkeit unterdrückt wurden. Dazu passen auch die kopulierenden Paare auf der Gemeindewiese, über die Howie in seiner ersten Nacht auf der Insel stolpert, doch die Tatsache, dass sich die Nacktheit ausschließlich auf die junge, weibliche Bevölkerung reduziert, entlarvt den Voyeurismus des Films, der diesen Aspekt schamlos für seine Zwecke ausnutzt. Dem Erfolg wird es sicher nicht geschadet haben, genießt der Film immerhin bis heute Kultstatus, war aber dennoch nie in den deutschen Kinos zu sehen und erschien erst 2009 auf DVD (nur in OV und OmU).

Diese These unterstreicht auch das wenig differenzierte Frauenbild, das sämtliche weiblichen Darsteller zu Komparsen degradiert. Britt Ekland, die die Tochter des Wirts spielt, ist die bekannteste und gleichzeitig eine Blaupause für die Fantasien der Macher, denn sämtliche junge Frauen der Insel sehen ihr auf verblüffende Weise ähnlich. Ekland war seinerzeit ein Sexsymbol und für ihre sinnliche Ausstrahlung berühmt, fast schon berüchtigt, wenn man bedenkt, dass ihr Mann Peter Sellers in der Hochzeitsnacht einen Herzinfarkt erlitt. Wie eine neuzeitliche Sirene versucht sie, den hölzernen Howie mit Gesang und zeremoniellem Tanz zu verführen. Natürlich ebenfalls nackt, wobei man Regisseur Robin Hardy immerhin zugutehalten muss, dass diese Szene recht sinnlich ausgefallen ist. Wer sich allerdings auf die nackte Ekland freut, sollte wissen, dass ein Bodydouble für die untere Hälfte der schwangeren Schauspielerin im Einsatz war, was diese nicht wusste und sie bis heute erzürnt.

Howie verkörpert, wie gesagt, nicht nur die Staatsgewalt, sondern auch den christlichen Glauben. Die lockere Moral der Insel widert ihn an, er widersteht Willow dank seiner Prinzipien und seines Glaubens, immerhin will er in Kürze heiraten und natürlich unbefleckt in die Ehe gehen. Das alles ist des Guten dann doch zu viel und strapaziert die Glaubwürdigkeit ebenso wie das vorhersehbare und ziemlich schlecht inszenierte Ende. Auch das Drehbuch von Anthony Shaffer weist etliche Schwächen auf und verzettelt sich bisweilen in seiner Handlung. Nicht einmal die Schauspieler können dies wettmachen, obwohl Christopher Lee, der diese Rolle immer als eine seiner liebsten bezeichnete, mit sichtlicher Freude agiert und sich nicht zu schade ist, am Ende wie eine Transvestiten-Version von Cher aufzutreten.

Sehr großen Wert legen die Macher auf die Darstellung der Folklore und Traditionen, was mitunter sehr interessant ist, auch wenn so gut wie nichts erklärt wird. Bisweilen besitzt der Film schon dokumentarischen Charakter, was durchaus beabsichtigt ist und durch die Danksagung am Anfang noch unterstrichen wird, die suggeriert, dass es den Lord, die Insel und ihre Bräuche tatsächlich gäbe. Es wird überdies so viel gesungen, dass der Streifen auch ohne weiteres als keltisches Musical durchgehen könnte, und die größtenteils melancholischen Lieder tragen wie auch der schottische Dialekt ungemein zum Lokalkolorit bei. Nur passt das alles nicht so recht zu einem Horrorfilm, ganz besonders das Ende nicht, wenn die Bewohner ihr Menschenopfer darbringen und dabei ein Liedchen schmettern, das auch aus einem Disney-Musical stammen könnte und die Szene vollends der Lächerlichkeit preisgibt.

Für die damalige Zeit vermutlich eine provokante, originelle Geschichte, funktioniert der Film heute leider überhaupt nicht mehr und besitzt höchstens noch filmhistorischen Wert. Als Horrorfilm taugt er erst recht nicht, da er nicht eine Sekunde lang gruselig, sondern meistens nur unfreiwillig komisch ist.

Note: 4

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...