Houston hört kein Hupen

Houston hat Touristen nicht sonderlich viel zu bieten. Wäre Mark G.s Familie nicht hier, wir hätten vermutlich einen großen Bogen um diese Millionenstadt gemacht, an die man sich vermutlich wegen der Überschwemmungen im vergangenen Jahr in Deutschland erinnert. Davon ist allerdings nichts mehr zu sehen, obwohl wir unterwegs eine Plakatwand entdeckt haben, auf der ein Hersteller von Fenstern und Türen damit warb, dass seine Preise dieselben sind wie vor Hurrikan Harvey.

Wir haben dennoch eine Menge lokaler Anekdoten gehört, auch über Harvey. Welche Straßen überflutet waren, in welchem Nachbarhaus ein Keller unter Wasser stand und auch, wo Menschen ertrunken sind. Darüber hinaus haben wir ein paar interessante Trivia über Houston erfahren: Die Stadt investiert zum Beispiel viel Geld in die Aufforstung brachliegender Grundstücke, vor allem auf den Grünstreifen neben den Highways. Firmen, die sich beispielsweise etwas haben zuschulden kommen lassen, werden oft dazu verurteilt, Bäume zu pflanzen und sie zu pflegen, was ich für eine ausgezeichnete Idee halte.

Interessant ist ebenfalls, dass hier kaum gehupt wird, obwohl die Leute einen aggressiveren Fahrstil pflegen als etwa in Kalifornien. Ein Grund dafür dürfte weniger die freundliche „texanische“ Fahrweise sein, womit sie hier entlang der Highways werben, sondern ist vielleicht eher dem Umstand geschuldet, dass nahezu jeder hier bewaffnet ist und einen erschießen könnte. Als wir in der Stadt unterwegs waren, wurde beispielsweise ein Auto vor uns fast gerammt, weil ein entgegenkommender Linksabbieger ein Rotlicht übersehen hat. Der Fahrer vor uns änderte sofort seine Richtung und begann, den Übeltäter zu verfolgen. Möglicherweise war es ein Polizist in Zivil, vielleicht aber auch nur ein wütender Texaner mit einer Waffe. Zufällig fuhren wir ein Stück weit in dieselbe Richtung und haben noch gesehen, wie beide Autos in eine Garageneinfahrt eingebogen sind. High Noon in Houston.

Apropos Waffen: Als wir beim Frühstück saßen, berichteten die Fernsehsender bereits von der Schießerei an einer Schule in Texas – nur dreißig Meilen von unserem Hotel entfernt. Im Laufe des Tages hat man immer wieder etwas darüber gehört, und jedes Mal sind die Opferzahlen gestiegen. Ändern wird sich deswegen natürlich nichts, schließlich lieben die Amerikaner ihre Waffen mehr als alles andere. Man hört hier auch jeden Tag neue, unappetitliche Geschichten, die gerade die Menschen beschäftigen. In den letzten Tagen ging es vor allem um den rassistischen Ausfall eines Anwalts in New York, der spanisch sprechende Frauen beschimpft hat. Interessanterweise haben wir dazu erfahren, dass die USA keine offizielle Landessprache haben. Lediglich in 32 Bundesstaaten ist die Amtssprache tatsächlich festgelegt.

Zum Abschied gingen wir am Abend mit der Familie in ein sehr schönes, modern eingerichtetes Tex-Mex-Restaurant mit ausgezeichneter Küche. Schon die Tortillachips mit der hausgemachten Salsa und die Tostadas mit Ceviche waren exzellent. Ich hatte darüber hinaus carnitas rellenos, eine mit Käse gefüllte Chili, die mit einem gebratenen Stück Rindfleisch, das an eine Roulade erinnerte, umwickelt war, während Mark G. sich an einem Chimichanga gütlich tat, einem gebratenen Burrito. Damit war unser Aufenthalt in Houston auch schon wieder beendet, und die Reise Richtung Westen geht weiter.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Mark G. & Pi Jay in La-La-Land 2018 und verschlagwortet mit , von Pi Jay. Permanenter Link zum Eintrag.

Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...