Frühstück bei Monsieur Henri

Am Sonntag war ich zum Brunch eingeladen. Das wäre an und für sich nicht besonders erwähnenswert, nur fand das Essen im Freien statt, auf der Terrasse eines netten Cafés. Über die Jahre hinweg war ich schon häufig dort, aber so furchtbar war es noch nie. Das lag allerdings nicht am Essen, das wie immer vorzüglich und vielfältig war, sondern an den permanenten Angriffen aus der Luft.

Ich rede von Wespen. Man ist es ja gewöhnt, im August bisweilen auf diese stacheligen Ungeheuer zu treffen, vor allem dann, wenn man Pflaumenkuchen isst, aber in diesem Jahr werden wir von einer Plage geradezu biblischen Ausmaßes heimgesucht. Ich hatte schon darüber gelesen, es aber zu sehen, ist etwas anderes. Ein Dutzend Wespen umschwirrten unentwegt den Tisch, krabbelten über die Teller und versuchten hartnäckig, einem das Essen zu verleiden. Wenn man mit den Biestern wenigstens verhandeln könnte, ich wäre gerne bereit, ihnen ein Schälchen mit Marmelade oder Fruchtsaft hinzustellen, wenn sie einen dann in Ruhe ließen, aber darauf lassen die Biester sich leider nicht ein. So blieb nichts anderes übrig, als bei jedem Bissen genau zu schauen, ob sich nicht ein Insekt darauf befindet. Eine Frau am Nachbartisch hat das wohl nicht getan und wurde prompt in den Mund gestochen. Danach sah sie aus wie nach einer missglückten Schönheits-OP mit partiellen Schlauchboot-Lippen …

Passend zu dieser Anekdote habe ich diesen Film ausgewählt, den ich neulich im Fernsehen angeschaut habe:

Frühstück bei Monsieur Henri

Henri (Claude Brasseur) ist ein griesgrämiger Rentner in Paris, der von seinem Sohn überredet wird, ein Zimmer seiner riesigen Wohnung an einen Studenten unterzuvermieten. Constance (Noémie Schmidt) ist gerade nach Paris gezogen, um dort zu studieren, allerdings etwas halbherzig, da ihr Herz eigentlich der Musik und dem Komponieren gehört, was sie aber aufgegeben hat, weil sie Ärger mit ihrem Professor hatte. Henri ist bereit, der hübschen Constance das Zimmer zu vermieten – wenn sie im Gegenzug dafür die Ehe seines Sohnes Paul (Guillaume de Tonquédec) mit der humorlosen Valérie (Frédérique Bel) zerstört …

Grantelnde alte Männer und Frauen sind beliebte Figuren in Komödien, vielleicht weil sie ungeniert aussprechen, was andere (sprich: die Zuschauer) sich nicht zu sagen trauen, und zu alt sind, um noch die Konsequenzen zu fürchten. Außerdem wissen sie, was jüngere Leute erst langsam erahnen, dass das Leben einem eine Menge Schmerz bereitet. So trauert auch Henri um seine verstorbene Frau, die ebenfalls Musikerin war, ihren Traum aber nie verwirklichen konnte und daran langsam zugrunde ging. Deshalb drängt er Constance auch, ihre Ambitionen weiter zu verfolgen, obwohl sie sie längst aufgegeben hat.

Darum geht es in dem Film aber nur am Rande, denn im Mittelpunkt stehen die Versuche Henris, seine ungeliebte Schwiegertochter loszuwerden. Dabei ist Valérie kein schlechter Mensch, ein bisschen überspannt und humorlos vielleicht, etwas zu bürgerlich und fromm, aber ihrem Mann dennoch zugetan. Auch Paul liebt seine Frau, schlittert aber dank Constance in eine mächtige Midlifecrisis.

Daraus hätte man schöne komödiantische Funken schlagen können, und ein paar Einfälle von Ivan Calbérac, der sowohl das Buch geschrieben als auch Regie geführt hat, sind auch ganz gut gelungen, dennoch will die Idee einfach nicht richtig zünden. Das liegt nicht an den Schauspielern, die allesamt das Beste aus ihren Rollen herausholen, sondern in erster Linie an einem einfallslosen, unmotivierten Buch. So witzig die Grundidee ist, sie scheint nicht einmal die Figuren zu überzeugen, denn sie handeln halbherzig und zögerlich. Constance hadert die ganze Zeit über mit ihrem schlechten Gewissen, weil sie Paul nett findet und seine Ehe nicht gefährden will, Paul weiß wiederum, dass er bei Constance keine Chancen hat, und nimmt ihr die Flirtversuche nicht wirklich ab. Selbst Henri verliert alsbald das Interesse an seinem Plan, weil er sich mehr für Constances musikalische Karriere interessiert. So plätschert die Geschichte ziemlich ereignislos und langweilig vor sich hin.

Für eine Komödie fehlt es dem Film definitiv an Tempo und Biss, daher darf man dankbar dafür sein, dass es am Ende noch eine dramatische und berührende Wendung gibt. Sie allein kann den Film noch retten, zumindest ein kleines bisschen.

Note: 3- 

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...