Jack Ryan

Bleiben wir heute noch einmal beim Agententhriller. Letzte Woche startete bei Amazon Prime die neue Prestige-Serie Jack Ryan, deren Hauptfigur sich mittlerweile in der fünften Inkarnation befindet. Nach Alec Baldwin in Jagd auf Roter Oktober, Harrison Ford in Die Stunde der Patrioten sowie in Das Kartell, Ben Affleck in Der Anschlag und Chris Pine in Jack Ryan: Shadow Recruit ist es nun John Krasinski, der in die Rolle des bekannten Agenten schlüpft. Ich habe mir die Serie vergangenes Wochenende angesehen.

Dabei mag ich Tom Clancys Romanverfilmungen nicht einmal. Ich habe zwar alle oben genannten Filme gesehen, war aber nie ein Fan und kann mich, ehrlich gesagt, auch nicht mehr an einen von ihnen erinnern. Jagd auf Roter Oktober habe ich immerhin noch spannend in Erinnerung, während Der Anschlag, vor allem das dämliche Ende, wenn Ben Affleck die Welt mit einem Anruf rettet, nur ärgerlich war. Mein Interesse an der Serie war also eher gering, aber Mark G. und Meister Mim wollten einmal reinschauen. Letzterer war nach der ersten Folge nicht überzeugt und hat sich verabschiedet, aber der Rest des Teams ist am Ball geblieben.

Jack Ryan (John Krasinski) ist ein Ex-Marine, der in einer Analyseabteilung der CIA arbeitet und die Bewegungen im nahöstlichen Bankverkehr überwacht. Dabei fallen ihm ungewöhnliche Überweisungen auf, die er zu einer rätselhaften Figur namens Suleiman (Ali Suliman) zurückverfolgen kann, den er für einen Terroristen hält. Und zwar für einen neuen Osama bin Laden, dem es dank seines Charismas gelingt, Muslime aus sämtlichen arabischen Ländern unter seiner Führung zu vereinen.

Sein Vorgesetzter James Greer (Wendell Pierce), der gerade erst vom Außendienst in diese Abteilung strafversetzt wurde, ist wenig überzeugt, weshalb Ryan auf eigene Faust die Konten einfrieren lässt. Als kurz darauf zwei verdächtige Männer im Jemen gefangen genommen werden, von denen man annimmt, dass sie einen Anschlag planen, glaubt man, dass einer von ihnen Suleiman sein könnte. Greer reist in den Jemen und nimmt Jack Ryan mit.

Während die beiden Agenten dem Terroristen immer näherkommen, dieser aber dennoch einen verheerenden Anschlag in Paris verüben kann, wächst in Suleimans Frau Hanin (Dina Shihabi) der Zweifel an ihrem Mann und seinen Absichten. Sie hat Angst um ihre drei Kinder und beschließt, in den Westen zu fliehen. Ryan und Greer erfahren davon und versuchen, sie zu finden, gleichzeitig schickt Suleiman seine Häscher hinterher …

Die erste halbe Stunde des Piloten verlangt ein wenig Geduld, man muss zuerst die Hauptfigur kennenlernen und erfahren, warum sein Boss wenig begeistert von seiner neuen Arbeit ist. Dann lernt Jack noch die engagierte Ärztin Cathy (Abbie Cornish) kennen, die Tochter seines Ex-Bosses an der Wall Street, die natürlich nichts von seiner Tätigkeit wissen darf. Selbstverständlich tragen sowohl Greer als auch Ryan alte Wunden mit sich herum, leiden an Schuldgefühlen wegen früherer Entscheidungen, die furchtbare Folgen hatten und sie um den Schlaf bringen. Ich muss zugeben: All das ist kein bisschen originell.

Die Hauptfiguren bedienen zwar großzügig die gängigen Klischees des Genres, wirken aber dennoch sympathisch und werden mit der Zeit ein ziemlich gutes Duo. Insofern funktioniert die Serie durchaus ein bisschen wie ein Buddy Movie mit einem gutmütigen, manchmal fast naiven Ryan als Jungagent und einem zynischen, schwarzhumorigen Greer als altem Hasen. Das ist keine schlechte Paarung, und die beiden Schauspieler verkörpern ihre Rollen ziemlich gut.

Krasinski wirkt definitiv softer als seine filmischen Vorgänger, der neue Jack Ryan ist nicht länger der grimmige kalte Krieger oder der effiziente High Tech-Agent, sondern ein bedachter, nachdenklicher und leidenschaftlicher Kämpfer für die Menschlichkeit. Eine Überraschung ist auch, dass die patriotischen Untertöne, die noch jeder Clancy-Verfilmung etwas Unangenehmes verliehen haben, völlig fehlen. Clancy-Fans in den Staaten werden das vielleicht nicht so mögen, aber Amazon denkt ja an eine globale Zuschauerschaft, insofern ist das clever gemacht.

Die Serie ist ziemlich spannend. Das Tempo ist hoch, es gibt eine Menge interessanter Wendungen und an den Nerven zerrender Momente und so gut wie kaum Leerlauf, was auch daran liegt, dass man den Stoff nicht unnötig aufgeblasen hat. Acht knackige Episoden reichen, um die Story zu einem befriedigenden und hochdramatischen Ende zu führen. Das reicht für zwei gemütliche Abende auf der Couch …

Lediglich mit der Zeichnung Suleimans haben es die Autoren ein bisschen übertrieben. Der Mann ist so etwas wie ein Superterrorist, der nicht nur die perfidesten Ideen hat, sondern auch schier unerschöpfliche Mittel sowie die unglaublichsten Kontakte, um seine Pläne in die Tat umzusetzen. Das strapaziert immer wieder die Glaubwürdigkeit, obwohl die Figur an sich durchaus ambivalent dargestellt wird, fällt angesichts der spannenden Erzählweise aber nicht so sehr ins Gewicht, dass man keine Lust mehr hat weiterzuschauen.

Der neue Jack Ryan ist eher ein Agent zum Knuddeln, keine effiziente Tötungsmaschine und das macht ihn sympathisch, sein erster Fall ist temporeich und spannend – alles in allem also gute Unterhaltung für zwei verregnete Herbstabende.

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...