Die Mitte der Welt

Ich habe mich geirrt. Als ich gestern gesagt habe, dass ich schon lange keinen Film mehr gesehen hätte, habe ich einen glatt vergessen: Die Mitte der Welt. Es ist zwar richtig, dass ich schon länger nicht mehr im Kino war, aber als der Film von Jakob M. Erwa kürzlich im Fernsehen lief, erinnerte ich mich an die tollen Kritiken, habe ihn aufgenommen und vor einer knappen Woche dann auch tatsächlich gesehen. Dass ich ihn schon wieder vergessen habe, hat einen bestimmten Grund …

Die Mitte der Welt

Phil (Louis Hofmann) und seine Zwillingsschwester Dianne (Ada Philine Stappenbeck) leben zusammen mit ihrer unkonventionellen Mutter Glass (Sabine Timoteo) in einer alten Villa. Glass ist Amerikanerin und zog vor der Geburt ihrer Kinder nach Deutschland, hat ihnen aber nie verraten, wer ihr Vater ist. Vor allem Phil leidet darunter und würde ihn gerne einmal kennenlernen. Als Phil von einer Reise zurückkehrt, stellt er fest, dass Glass und Dianne nicht mehr miteinander reden, findet aber nicht heraus, warum. Zurück in der Schule, verliebt er sich in seinen neuen Mitschüler Nicholas (Jannik Schümann) und beginnt eine Affäre mit ihm. Probleme bekommen die beiden jedoch erst, als Phils beste Freundin Kat (Svenja Jung) zu ihnen stößt.

Es ist schwierig, über den Inhalt des Films zu schreiben, ohne gleich zu viel zu verraten. Nicht, weil es so viele unerwartete Wendungen oder schockierende Enthüllungen gäbe – letztere gibt es tatsächlich – sondern weil so wenig passiert, dass man Gefahr läuft, den gesamten Film wiederzugeben, wenn man nur versucht, die wichtigsten Eckpunkte zu erwähnen.

Das Problem ist eindeutig Erwas Drehbuch, das dramaturgisch sehr schwach ist und den vorhandenen Konflikten der Figuren weitgehend aus dem Weg geht. Dass die Homosexualität Phils nicht dramatisiert wird, ist dabei die rühmliche Ausnahme, dergleichen hat man schon zu oft gesehen, so dass eine konfliktfreie Akzeptanz seiner sexuellen Neigungen einmal eine erfrischende Variante ist. Erwa wollte eine luftige Sommer-Liebesgeschichte erzählen, und das ist ihm auch gelungen. In wunderschönen, warmen Farben wird vom Aufkeimen einer ersten Liebe erzählt. Als Regisseur hat Erwa hier alles richtig gemacht, die Bilder sind toll, die Darsteller agieren überzeugend, und auch der dramatische Schluss passt hervorragend – kommt allerdings reichlich spät.

Das alles wäre kein Problem gewesen, wenn der Autor Erwa sich auf den schwelenden Konflikt zwischen Glass und Dianne konzentriert hätte. Hier gibt es ein großes Geheimnis, aber Phil ist so abgelenkt von seinen Gefühlen, dass er keinerlei Anstalten unternimmt, dieses zu lüften. In den eingestreuten Rückblenden erfährt man zwar mehr über die Mutter und die Kindheit der beiden Zwillinge, auch die Abwesenheit des Vaters und die vielen Ersatzväter, die Glass ins Haus holt, sind ein Thema, so dass man auf die späteren Enthüllungen durchaus vorbereitet wird, nur dramaturgisch wird das alles sehr dürftig erzählt.

Als Phil nach längerer Abwesenheit wieder nach Hause kommt, ist gerade ein schwerer Sturm vorbeigezogen, der einige Verwüstungen an der mütterlichen Villa und dem nahen Wald verursacht hat. So schön die Symbolkraft der Bildsprache auch ist, bezeichnet dieser Umstand auch ziemlich genau, was an dem Film falsch gelaufen ist: Das Drama liegt bereits hinter uns.

Erst gegen Ende, in den letzten zwanzig Minuten des Films werden die Geheimnisse gelüftet und erfahren wir, was Mutter und Tochter entzweit hat. Diese Enthüllungen fallen Phil mehr oder weniger in den Schoß, und er weiß auch nicht so recht, was er damit anfangen soll. Deshalb bekommt er den Rat, als Versöhner zwischen Schwester und Mutter zu fungieren, aber auch dazu kommt es seltsamerweise nicht. Aber keine Angst: Am Ende wird alles gut.

Insgesamt ein enttäuschender Film, der aber dennoch vieles richtig gemacht hat.

Note: 3-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...