The Party

In der britischen Politik geht es im Augenblick drunter und drüber. Passend dazu hat Sally Potter vor einiger Zeit einen Film in die Kinos gebracht, der von einer Ministerin handelt, die ein paar Freunde zu einer Party eingeladen hat. Da gesellschaftliche Zusammenkünfte im Film häufig dazu benutzt werden, unterschwellige Ressentiments und langjährige Rivalitäten zutage zu fördern und der Streifen zudem exzellent besetzt ist, habe ich mir eine bissige Komödie erwartet, als ich ihn neulich auf Netflix gesehen habe.

The Party

Janet (Kristin Scott Thomas) wurde gerade zur britischen Gesundheitsministerin ernannt und will diese mit ihren engsten Freunden feiern. Doch ihr Mann Bill (Timothy Spall) hat an gerade erfahren, dass er unheilbar krank ist. Ihre beste Freundin April (Patricia Clarkson) überlegt, sich von ihrem deutschen Mann Gottfried (Bruno Ganz) zu trennen, während Martha (Cherry Jones) und ihre Frau Jinny (Emily Mortimer) verkünden, dass sie Drillinge erwarten. Und dann taucht noch Tom (Cillian Murphy) auf, ein erfolgreicher Banker und Ehemann der engsten Mitarbeiterin von Janet, der ziemlich aufgebracht ist – und eine Pistole mit sich trägt …

Es ist diese Pistole, die für Spannung sorgt und gleich im ersten Bild zu sehen ist: Eine aufgelöste Janet öffnet einem unbekannten Gast die Tür und bedroht ihn mit der Waffe. So etwas macht neugierig. Auch die Besetzungsliste kann sich sehen lassen, weist sie doch einige der profiliertesten Schauspieler ihrer Generation auf.

Irritierend ist anfangs noch das Schwarz-Weiß, noch dazu hat Regisseurin Sally Potter, die für sperrige Stoffe bekannt ist und deren Film Orlando ich damals sehr gemocht habe, ein kontrastreiches, hartes Licht eingesetzt, das die Schauspieler nicht gerade vorteilhaft erscheinen lässt, aber sehr gut die Dramatik des Abends unterstreicht. Der Film ist ein Kammerspiel, ein kleines Theaterstück, das in den rund siebzig Minuten spielt, die der Film dauert, und als Tour de Force angelegt. Nahezu jeder der sieben Charaktere wird an seine Grenzen geführt und mit unliebsamen Wahrheiten konfrontiert, die seine Überzeugungen und Lebenseinstellungen, mitunter auch seine Gefühle auf den Prüfstand stellen.

Wirklich überzeugend ist das alles jedoch leider nicht. Timothy Spall agiert in permanenter Schockstarre und scheint bereits dem Tod direkt ins Gesicht zu sehen, beleidigt, dass dieser es wagt, einen so brillanten Geist wie ihn heimzusuchen. Als Materialist und intellektueller Vordenker hat er alles Religiöse stets verachtet und weiß nun nicht, woran er sich festhalten soll. Auch seine scharfsinnigen Freunde haben keinen Trost für ihn, sind sie doch zu sehr mit sich und ihren Neurosen und Problemen beschäftigt.

Man kann nicht sagen, dass Potter, die auch für das Buch verantwortlich ist, sich viel Mühe gegeben hätte, ihre Figuren halbwegs sympathisch zu gestalten oder ihren Konflikten tatsächlich auf den Grund zu sehen. Vieles kratzt gerade einmal an der Oberfläche, vieles ist ein bemühtes Klischee. Aprils zynische Fassade bröckelt zwar mit der Zeit, offenbart dahinter aber gähnende Leere. Das lesbische Paar verstrickt sich in feministischen Vorurteilen und einem Streit, der reichlich albern wirkt. Am schlimmsten ist Cillian Murphys Tom, der ein einziger, von Unmengen Kokain noch zusätzlich befeuerter menschlicher Ausnahmezustand ist. Der einzige, der halbwegs gefestigt wirkt, ist Gottfried, der dafür einen dümmlichen, esoterischen Kalenderspruch nach dem anderen absondert.

Auch thematisch springt Potter von einem Feld zum anderen. Irgendwie geht es um (Partei-)Politik – der doppeldeutige Titel legt das schon nahe – Feminismus, Religion und die moderne Gesellschaft, also um fast alles, was uns in den letzten Jahren umgetrieben hat, aber immer nur beiläufig, als würden die Figuren lediglich Schlagwörter und Schüsselbegriffe austauschen, auf die der Zuschauer sich dann selbst seinen Reim machen soll. Dabei wäre angesichts der kurzen Laufzeit des Films durchaus Platz für tiefgründigere Diskussionen gewesen.

Der Film endet wie er begonnen hat – und enthüllt einen Twist, mit dem man tatsächlich nicht gerechnet hätte. Er hat sogar eine Pointe, wie ein endlos langer Witz, über den man jedoch leider nicht lachen kann.

Die guten Schauspieler und einige bessere Momente bewahren die Geschichte vor der kompletten Implosion. Gut gemeint ist dennoch das Gegenteil von Kunst.

Note: 4

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...