Fahrenheit 11/9

Dokumentationen sehe ich relativ selten und noch seltener im Kino. Eine Ausnahme sind die Filme von Michael Moore, und seinen jüngsten konnte ich bereits im Januar vorab bei einer Pressevorführung anschauen. Wer sich wie ich für die amerikanische Innenpolitik interessiert, sollte den Film keinesfalls verpassen.

Fahrenheit 11/9

Einer der bekanntesten Dokumentarfilme von Michael Moore ist Fahrenheit 9/11. Darin ging es um die Terroranschläge von 2001, den Irakkrieg und die Beziehung zwischen den Familien Bush und Bin Laden, also um viele Dinge, die damals in der amerikanischen Politik ein Geschmäckle hatten, um es mal vorsichtig zu formulieren. Zwei Präsidenten später beleuchtet Moore nun in Fahrenheit 11/9 das Amerika Trumps und liefert einen gewohnt provokanten und dramatischen Bericht über den Status quo. Der 9. November 2016 war der Tag, an dem endgültig feststand, dass Trump Präsident werden würde – was sogar noch in der Wahlnacht niemand, nicht einmal der Kandidat selbst, angenommen hatte. Moore erzählt von dieser Nacht und ergründet auch die Ursachen für Trumps Kandidatur, die sich kein Drehbuchautor jemals hätte ausdenken können. NBC und Gwen Stefani gehören übrigens zu den Hauptverantwortlichen dafür, dass Donald Trump kandidiert hat …

Zum Glück dreht sich nicht alles um Trump in dem Film. Moore beschäftigt sich auch mit anderen Themen, die in den letzten Jahren für Kontroversen gesorgt haben, namentlich mit dem Trinkwasser-Skandal in Flint, Moores Geburtsort, aber auch die Lehrerproteste in West-Virginia oder die politische Bewegung der Parkland-Studenten spielen eine größere Rolle und fördern dabei eine Menge interessanter Details zutage, die man selbst als amerikaaffiner Europäer noch nicht kannte.

Äußerst geschickt spielt Moore auf der Klaviatur der Empörung, die soziale Ungerechtigkeiten und politische Korruption in seinem aufgeklärten und aufgeschlossenen Publikum wecken. Unsere Welt ist ein furchtbarer Ort, voller hasserfüllter und gieriger Menschen, die für ein bisschen Macht nicht davor zurückschrecken, die schrecklichsten Dinge zu tun. Manchmal ist der Film sogar fast nicht zu ertragen, wenn er etwa Bilder von den vergifteten Kindern in Flint zeigt oder von der Schulschießerei in Florida. Man hat Tränen in den Augen, vor Trauer, vor Wut, und ärgert sich, weil man weiß, dass Moore diese Emotionen für seine Zwecke nutzt. Aber manchmal lässt man sich ja auch gerne benutzen.

Es ist ein sehr politischer Film, der sich aber nicht nur gegen die Republikaner richtet, sondern auch die Fehler der demokratischen Partei auflistet. Dass Bernie Sanders bei der Ernennung der Präsidentschaftskandidaten übervorteilt wurde, wissen wir inzwischen, aber auch sonst scheint die Partei – wie viele linke Parteien in den westlichen Demokratien – ein unheiliges Bündnis mit den Konzernen und dem großen Geld eingegangen zu sein. Gleichzeitig berichtet Moore aber auch von den neuen Hoffnungsträgern, die ihre Partei reformieren und erneuern wollen und die meist aus dem Volk heraus kommen und für selbiges eintreten. Leute wie Alexandria Ocasio-Cortez beispielsweise.

Stellenweise beschreibt er zwar die Probleme wie die wachsende Armut der Arbeiterklasse oder den schleichenden Niedergang der Mittelklasse, deren Resultat ein zunehmendes Desinteresse an Wahlen oder Politik überhaupt sind, versäumt es aber leider, zum Kern des Dilemmas vorzustoßen oder über den Tellerrand zu schauen. Die Exzesse des Neoliberalismus, die Entfesselung des Kapitalismus oder die Globalisierung werden bestenfalls einmal erwähnt, die Welt außerhalb der USA spielt hingegen keine Rolle.

Mit einer Ausnahme: Gegen Ende warnt Moore davor, dass das Land in den Despotismus abgleiten könnte, und führt das Deutschland der Weimarer Republik als Beispiel an. Er zeigt Hitler bei einer Parteiveranstaltung und legt den Originalton von Trump bei einem seiner Auftritte darunter und befragt Politologen über die potentielle Zukunft Amerikas. Ihre Aussagen können einem Angst machen. Noch mehr fürchten muss man aber den orangenen Mann im Weißen Haus, auf den Moore am Ende wieder zurückkommt und vor dessen gefährlichen Ambitionen auf eine verlängerte Präsidentschaft er warnt. Wer das als lächerlich abtut, sollte sich darin erinnern, dass Moore als einer der wenigen schon im Sommer 2016 überzeugt davon war, dass Trump Präsident wird. Damals wurde der Filmemacher ausgelacht.

Die größte Schwäche des Films ist, dass er zu viele Themen anspricht, die zwar inhaltlich etwas miteinander gemeinsam haben, aber zu komplex sind, um sie in der – trotz der zwei Stunden Länge – kurzen Zeit ausgewogen darstellen zu können. Ein bisschen wirkt es wie ein Gemischtwarenhandel.

Fahrenheit 11/9 richtet sich natürlich in erster Linie an Moores Landsleute und vor allem an sein übliches liberales Publikum. Preaching to the converted, nennt man das in Amerika. Aber auch wir in Europa mit unseren rechten Populisten können etwas daraus mitnehmen – und sei es der Aufruf zu mehr Wachsamkeit.

Note: 2

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...