Alice lebt hier nicht mehr

Alte Filme erzählen viel mehr als nur ihre Geschichte. Über sie erfährt man auch viel über die Zeit ihrer Entstehung, über Mode, Ansichten, Gewohnheiten und Lebensumstände, dass sie mitunter wie eine doppelte Zeitreise anmuten. Ich bin beispielsweise immer wieder erstaunt, wie selbstverständlich die Leute früher in Restaurants geraucht haben, dabei war das bei uns bis vor einiger Zeit ebenfalls noch üblich. Andere wundern sich vielleicht über den Gebrauch von öffentlichen Telefonzellen oder die seltsamen Frisuren.

Viele amerikanische Filme aus den späten Sechzigern bis weit in die Achtziger waren besonders nah am Alltagsleben. Sie wollten die Welt nicht wie in einem Hochglanzprospekt zeigen, in denen die Menschen stets gut frisiert und stylisch gekleidet waren, sondern wie sie wirklich lebten. Ihre Helden waren oft Figuren aus der Unterschicht oder unteren Mittelklasse, deren Dasein alles andere glamourös war. Auch die Geschichten waren wie aus dem Leben gegriffen, selbst die Liebesgeschichten wirkten ungeschminkt und alles andere als romantisch überhöht. Eine davon habe ich kürzlich gesehen – weil er von Martin Scorsese stammt.

Alice lebt hier nicht mehr

Alice Hyatt (Ellen Burstyn) führt das beschauliche Leben einer Hausfrau in New Mexico, fühlt sich aber in ihrer lieblosen Ehe gefangen. Als ihr Ehemann unerwartet bei einem Unfall ums Leben kommt, will sie sich ihren Jugendtraum erfüllen und wieder als Sängerin arbeiten. Zusammen mit ihrem elfjährigen Sohn Tommy (Alfred Lutter) bricht sie nach Westen auf. Sie singt in einer Bar und beginnt eine Affäre mit Ben (Harvey Keitel), der sich als gewalttätig und verheiratet entpuppt. In Tucson findet sie nur einen Job als Serviererin in einem Diner. Dort trifft sie den sanften Farmer David (Kris Kristofferson), der mehr will als nur eine flüchtige Affäre, aber soll sie für ihn ihren Traum aufgeben?

Alice ist nichts Besonderes. Wir lernen sie als Kind kennen, in einem kleinen Prolog, der wie ein Film aus den Vierzigern beginnt und an Der Zauberer von Oz erinnern soll, mit einem blutroten Sonnenuntergang an der kalifornischen Küste und einem Kind, das Freude am Singen hat – und sich für besser hält als die Profis. 27 Jahre später ist Alice erwachsen und ernüchtert. Ihr Mann nimmt ihre Bemühungen um ein gemütliches Zuhause als selbstverständlich hin, Zärtlichkeit und Zuneigung findet sie schon lange nicht mehr bei ihm, und ihr Sohn kommt langsam in die Pubertät und nervt sie. Regisseur Martin Scorsese braucht nur wenige Szenen, um die vergangenen Träume und die triste Gegenwart einer frustrierten Hausfrau zu zeichnen, und sofort entfaltet sich ein ganzes Leben. Man versteht Alice, ihren Frust, ihre Sehnsucht, und dass sie durch den Tod ihres Mannes die Chance auf einen Neubeginn hat, lässt uns hoffen.

Doch dies ist kein cheerie movie, das von einer Hausfrau handelt, die eine erfolgreiche Sängerin wird. Alice ist nicht unbegabt, aber eben auch keine herausragende Sängerin. Sie weiß das und hält ihre Erwartungen niedrig. Für sie ist es genug, in einer Bar zu singen und davon ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, denn die Musik bereitet ihr Freude. Doch mit Mitte dreißig ist es nicht leicht, einen Job zu finden, und sie ist attraktiv genug, um einige Verehrer anzuziehen.

Doch mit den Männern hat sie Pech, Ben erweist sich als Katastrophe (Harvey Keitel ist wirklich beängstigend), und auch der charmante David hat seine Schattenseiten. Was sich zwischen ihnen entwickelt, ist keine große Romanze, aber eine ehrliche Beziehung, beide sind schon älter, haben gescheiterte Ehen hinter sich und wenige Illusionen. Aber ist dieses stille, häusliche Leben es wirklich wert, einen langgehegten, wenn auch wenig vielversprechenden Traum aufzugeben? Drehbuchautor Robert Gretchell fängt damit perfekt das Dilemma unseres Daseins ein.

Der Film oder vielleicht auch sein gelungener Soundtrack haben damals einen Nerv getroffen und ihn zu einem der beliebtesten des Jahres 1975 gemacht. Zum Teil liegt das sicherlich an der lebensnahen Darstellung der Figuren und ihrer Probleme, Alice hat es wirklich nicht leicht, und auch ihr schwer pubertierender, bisweilen ungeheuer nerviger Sohn bereitet ihr manchmal schlaflose Nächte. Der Junge ist mitunter ein bisschen zu altklug, liefert sich aber immer wieder ein gelungenes Dialogduell mit seiner Mutter, das später vielleicht nur noch von den Gilmore Girls übertroffen wurde. Jodie Foster spielt übrigens seine burschikose Freundin, und auch Diane Ladd hat eine interessante Nebenrolle.

Sehenswert sind besonders die Szenen im Diner, in dem Alice arbeitet, mit ihrem skurrilen Personal und anstrengenden Gästen. Diese Kombination kam so gut an, dass daraus eine Sitcom namens Alice entwickelt wurde, die es auf neun (!) Staffeln brachte.

Sicherlich nicht Scorseses bester Film, aber einer seiner ungewöhnlichen. Für heutige Zuschauer ein wenig zu langsam erzählt, aber mit einigen köstlichen Momenten.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...