Das perfekte Geheimnis

Wie ich gestern schon sagte: Manchmal dauert es etwas länger, bis ich mir einen Film anschauen kann. Bei Das perfekte Geheimnis lag das allerdings weniger an meinem Terminkalender, sondern an der Befürchtung, dass ich den Film nicht mögen könnte. Der Trailer hat mir zwar gefallen, aber ich habe eben auch sehr viel Widersprüchliches über den Film gehört, dem man Frauenfeindlichkeit und Homophobie vorgeworfen hat. Auf der anderen Seite bin ich immer neugierig, wenn ein Film übermäßig erfolgreich ist, zu sehen, warum dies wohl so ist …

Das perfekte Geheimnis

Rocco (Wotan Wilke Möhring) und seine Frau Eva (Jessica Schwarz) laden seine alten Schulfreunde (Florian David Fitz, Elyas M’Barek und Frederick Lau) mit ihren Frauen (Jella Haase und Karoline Herfurth) zum Essen ein. Eine Diskussion über Geheimnisse führt zu einem provokanten Vorschlag: Jeder soll sein Smartphone auf den Tisch legen, und alle eingehenden Nachrichten und Anrufe werden von allen gelesen und gehört. Was als harmloser Spaß beginnt, endet in Chaos, Tränen und Verletzungen …

Keine Ahnung, das wievielte Remake des italienischen Hits dies ist, aber eines haben sie alle gemeinsam: Sie waren in ihrem Land überaus erfolgreich. Die Geschichte trifft also einen Nerv, erzählt uns etwas über uns selbst und unser Leben. In erster Linie geht es um unseren Umgang mit unseren Mobiltelefonen, die – wie es im Film heißt – zu „Fahrtenschreibern unseres Lebens“ geworden sind. Sie wissen, wo wir sind, mit wem wir reden, manchmal auch, worüber wir reden, sie registrieren, was wir mögen, mitunter sogar, was wir einkaufen, kennen unsere Gewohnheiten – und vor allem auch unsere Geheimnisse. Zeig mir dein Handy, und ich sage dir, wer du bist.

Vermutlich ist es dieser Aspekt unseres modernen Lebens, der die Leute am stärksten fasziniert, darüber hinaus gibt es eine amüsante Geschichte und beliebte Schauspieler, die ausnehmend gut aufgelegt sind und denen zuzuschauen eine Freude ist. Vor allem die erste Hälfte des Films ist so locker und leicht wie die Lifestyle-Werbung für ein Möbelhaus oder einen veganen Lieferdienst.

Der Film beginnt mit einem kleinen Video aus der Kindheit der männlichen Protagonisten, in dem sie versuchen, Blutsbrüderschaft zu schließen – und dabei im Krankenhaus landen. Das ist witzig und setzt den heiter-frotzelnden Ton des Abends. Man kennt sich schon lange und sehr gut, da ist es überraschend, dass es so viele Geheimnisse gibt.

Doch jeder von ihnen hat etwas, das er vor den anderen gerne verbergen möchte, in jedem einzelnen Leben lauern Falltüren, die sich plötzlich auftun und dunkle Abgründe offenbaren. Bei sieben Personen ist das alles ein bisschen zu viel, was schlussendlich dazu führt, dass manche Geheimnisse nur angedeutet und nie zu Ende erzählt werden. Das ist schade, denn gerade das interessanteste Ereignis, ein Seitensprung innerhalb der Gruppe, wird so nahezu komplett unter den Tisch gekehrt. Statt tief in die Gruppe einzutauchen und sich an einen Konflikt zu wagen, der die Gefahr birgt, diese zu sprengen, wird ausgewichen auf Nebenschauplätze, von denen einige völlig belanglos sind. Drehbuchautor und Regisseur Bora Dagtekin traut sich einfach nicht, aufs Ganze zu gehen. Was nicht komplett seine Schuld ist, da es bereits im Original so angelegt ist, aber in einer Neuinterpretation eines Stoffes kann man ja auch versuchen, andere Sichtweisen zu finden und der Geschichte so völlig neue Seiten abgewinnen. Reine Reproduktion ist nicht gerade hohe Kunst.

Die erschütterndsten Enthüllungen betreffen also das Sexleben der Protagonisten, sei es eine eheliche Flaute im Bett, vermeintliche und tatsächliche Affären und verschwiegene Homosexualität. Thematisch ist das ziemlich einseitig, andererseits scheint die Neugierde auf das Treiben der anderen in ihren Schlafzimmern nicht nur die Figuren zu motivieren, sondern auch die Zuschauer zu interessieren. Man hätte die Geschichte auch anders erzählen können, abgründiger, hintersinniger, weniger plump jedenfalls und weniger stark auf das Geschlechtliche ausgerichtet, dafür mit mehr psychologischer Finesse, aber nun ja … Sex sells.

Trotz aller Frivolität und heimlicher Schadenfreude kippt in der zweiten Hälfte des Films die Stimmung dann ins Dramatische. Es wird viel geweint, vor allem Jella Haase und Karoline Herfurth vergießen viele Tränen, während Jessica Schwarz von Anfang bis Ende die kühle Zicke bleibt. Der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit ist bei dieser Konstellation durchaus nicht ganz von der Hand zu weisen. Das Frauenbild ist relativ einseitig, aber auch sonst wird nicht an Klischees gespart: Natürlich ist die vermeintliche Karrierefrau zutiefst unglücklich, weil ihr die Kinder fehlen, der Mann in Vaterzeit jedoch unterfordert und gleichzeitig genervt von seinem Nachwuchs. Die blonde Naive ist esoterisch bewandert und weltfremd, der prollige Nichtsnutz nicht nur latent, sondern ganz offen homophob. Und eine Psychotherapeutin muss ja selbst voller Neurosen und Minderwertigkeitskomplexe sein und ein unterkühltes Miststück sowieso, genauso wie jemand, der in der Werbung arbeitet, zwangsläufig kokst.

Leider geht es über diese oberflächliche Charakterisierung nicht hinaus, es fehlt ebenso der Einblick ins Seelenleben der Figuren wie die Selbstreflexion oder auch nur der Hauch einer Auseinandersetzung mit den eigentlichen Problemen. Stattdessen gibt es eine Menge Geschrei, viele Tränen und am Ende sogar eine Trennung. Es bleibt aber bei dieser – fast symbolischen – Opferung einer Beziehung, so dass am Ende der Rest von einer Harmoniesauce bedeckt werden kann, die so klebrig-süßlich ist wie man es eigentlich nur aus einem Til-Schweiger-Film gewohnt ist. Anstatt zu erzählen, dass auch die besten Freunde sich mit den Jahren auseinanderleben können und Geheimnisse per se nichts Schlechtes sein müssen, sondern manchmal als sozialer Kitt fungieren, wird zusammengeflickt, was nicht zusammengehört. So werden zwei von drei Seitensprünge großmutig verziehen und darf der homophobe Freund den noch homophoberen Feind seines Freundes verprügeln, um in diesem Akt toxischer Männlichkeit seine Zuneigung zu beweisen. Darauf muss man erst mal kommen. Insgesamt passt das aber zu dem wertkonservativen und reaktionären Gesellschaftsbild, das hier entworfen wird.

Die erste Hälfte ist die perfekte Unterhaltung, der Rest hätte besser ein Geheimnis bleiben sollen.

Note: 3-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...