Die dunkelste Stunde

Corona. Corona. Corona. Ich wage mich jetzt mal weit aus dem Fenster und sage voraus, dass das Wort des Jahres 2020 Corona lauten wird. Vielleicht auch Pandemie. Oder eine Kombination aus beidem. In Bayern stehen wir ja bereits unter Hausarrest und fühlen uns an unsere wilden Teenagerjahre erinnert, nur ohne Fernsehverbot, und im Rest Deutschlands wird es vermutlich auch noch dazu kommen. Nach drei Tagen kann ich jedenfalls berichten, was sich alles für mich persönlich geändert hat: Nichts.

Okay, Besuche im Kino, Restaurant oder Fitnessstudio fallen natürlich weg, aber wenn man ohnehin zu Hause arbeitet, ändert sich durch die Ausgangsbeschränkung nicht viel. Andere werden in einige Wochen vielleicht eine psychotherapeutische Begleitung benötigen. Aus China  – und das ist traurige Wahrheit – weiß man inzwischen, dass die Scheidungsraten gerade ebenso explodieren wie die Anzeigen wegen häuslicher Gewalt.

Es sind dunkle Zeiten, in denen wir aber recht komfortabel leben – vorausgesetzt, man hat genügend Toilettenpapier und Nudeln gehortet …

Apropos dunkle Zeiten. An wen denkt man als erstes, wenn man nach Orientierung in schwierigen Umständen sucht – genau, Winston Churchill. Aus diesem Grund habe ich mir mit einiger Verspätung einen der Oscar-Filme des letzten Jahres angesehen.

Die dunkelste Stunde

Anfang Mai 1940 ist Premierminister Chamberlain (Ronald Pickup) mit seiner Appeasement-Politik endgültig am Ende und muss abtreten. Der einzige Kandidat, der auch von der Opposition unterstützt wird, ist ausgerechnet Winston Churchill (Gary Oldman), der sich bei seiner eigenen Partei nicht gerade großer Beliebtheit erfreut. Man stellt ihn dennoch auf, um alsbald eine Intrige gegen ihn zu spinnen, die vom ehrgeizige Viscount Halifax (Stephen Dillane) angeführt wird und zu deren Unterstützern auch der König (Ben Mendelsohn) gehört. Doch Churchill ist clever genug, seinen Rivalen immer einen Schritt voraus zu sein und gleichzeitig die Öffentlichkeit auf seine Seite zu ziehen. Seine erste große Bewährungsprobe kommt jedoch schon bald, als die britische Armee in Dünkirchen eingekesselt wird …

Wohl keine Episode des Zweiten Weltkriegs wurde so oft verfilmt wie die Operation Dynamo, beginnend mit Mrs. Miniver von Willem Wyler (1942) bis hin zu Christopher Nolans Dunkirk von 2017. Auch Joe Wrights Die dunkelste Stunde steuert in ihrem Höhepunkt auf diese Rettungsmission zu. Nimmt man Wrights und Nolans Filme zusammen, ergibt sich ein sehr gutes Bild der damaligen Lage, einmal aus der Sicht von Churchill, einmal aus der der Soldaten am Strand.

Drehbuchautor Anthony MacCarten konzentriert sich in seinem Werk allein auf Churchills Kampf gegen seine Parteifreunde um die richtige Kriegsstrategie. Chamberlain, der damals bereits todkrank war, und sein Verbündeter Halifax strebten einen Frieden mit Hitler an, während Churchill sich vehement für eine Politik der Härte einsetzt und am Ende dabei das Volk auf seine Seite zieht. Das alles ist zwar hinreichend bekannt, wirft aber dennoch ein spannendes Schlaglicht auf die britische Politik jener Zeit.

Gerade die Konzentration auf wenige Wochen ist die Stärke des Films, der auf diese Weise auch ein faszinierendes Porträt Churchills zeichnet, kongenial verkörpert von Gary Oldman, der unter all dem Latex kaum zu erkennen ist. Neben ihm haben andere Schauspieler kaum eine Chance, auch wenn Kristin Scott Thomas als Churchills Frau Clemmie noch eine gute Figur macht.

Überraschend ist, wie viel Humor der Film besitzt, der sich mit solch düsteren Themen auseinandersetzt. Natürlich trägt die Bärbeißigkeit Churchills einiges dazu bei, aber auch sonst gibt es immer wieder Momente, in denen man schmunzeln kann. Lobenswert ist auch die Kamera von Bruno Delbonnel, die bisweilen über den Geschehnissen schwebt wie ein teilnahmsloser Engel, sowie die kluge Lichtdramaturgie, die das künstlerische Gesamtkonzept des Films unterstreicht. Nahezu die komplette Handlung spielt in dunklen Räumen, in denen nur hier und da ein Lichtstrahl fällt, der sich jedoch zum Ende hin immer mehr aufzuhellen scheint.

Eines macht der Film besonders deutlich: In Zeiten der Krise braucht es eine vernünftige, besonnene, aber auch entschlossen handelnde Politik und Politiker wie Winston Churchill, die unbeirrt ihren Weg gehen. Solche Leute könnten wir heute gut gebrauchen.

Note: 2

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...