Mein Leben als Zucchini

Manche Filme sind so kurz, dass man sie sich auch anschauen kann, wenn man eigentlich keine Zeit für einen ganzen Film hat. Mit nur etwas über einer Stunde Laufzeit ist Mein Leben als Zucchini nur etwas länger als die Episode einer durchschnittlichen HBO-Serie, bietet aber dennoch viel.

Mein Leben als Zucchini

Der neunjährige Zucchini lebt bei seiner gewalttätigen, alkoholkranken Mutter und sehnt sich nach seinem Vater, der spurlos verschwunden ist. Als er bei einem Streit die Tür vor ihrer Nase zuschlägt, fällt seine Mutter eine Treppe hinunter und stirbt. Zucchini kommt in ein Waisenhaus, in dem noch weitere Kinder mit schwerem Schicksal leben.

Obwohl besonders Simon anfangs gemein zu ihm ist, erfährt Zucchini dort zum ersten Mal auch Zuneigung und Freundschaft. Er verliebt sich sogar in die kleine Camille, die ebenfalls ein schweres Schicksal hat: Sie wurde Zeugin, wie ihr Vater zuerst ihre Mutter und dann sich selbst erschoss. Als Camille zu ihrer gemeinen Tante geschickt werden soll, hecken die Kinder einen Plan aus, das zu vereiteln …

Bei Animationsfilmen denkt man meistens sofort an Disney. Doch es gibt auch jenseits des Maus-Hauses gut gemachte und anspruchsvolle Filme für ein jüngeres Publikum. Mein Leben als Zucchini ist eine Koproduktion von der Schweiz und Frankreich und war für zahlreiche Preise nominiert, darunter auch für den Oscar und den Golden Globe. Der Look ist auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig: Die Knetfiguren haben spindeldürre Körper, aber riesige Köpfe mit ungemein großen Augen.

Es ist vor allem aber die tieftraurige Geschichte, die einen sofort in den Bann schlägt. Jedes Kind im Waisenhaus hat ein schweres Schicksal erlitten, wurde von seinen Eltern verlassen, misshandelt oder ihnen fortgenommen, jedes von ihnen hat in seinen jungen Jahren schon mehr mitgemacht als so mancher Erwachsene in seinem ganzen Leben. Dennoch ist der Film von einer heiteren, optimistischen Grundhaltung geprägt. Den Kindern geht es gut im Heim, die Erzieher kümmern sich rührend um sie, und bei einem gemeinsamen Ausflug in die Berge leben die Kleinen richtig auf.

Das Tempo ist leider ein wenig zu langsam, und eine richtige Geschichte gibt es auch nicht, sondern lediglich eine Abfolge von verschiedenen Ereignissen. Aber die Art und Weise, wie die Macher hier mit komplexen und düsteren Themen umgehen, ist insgesamt sehr gelungen und zutiefst berührend.

Note: 3+

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...