A Trip to Bountiful – Reise ins Glück

Wenn eines (hoffentlich nicht allzu fernen) Tages die Bestimmungen wieder gelockert werden und wir ohne Gesichtsmaske einkaufen, ins Restaurant oder Kino gehen dürfen, habe ich vermutlich abstehende Ohren. Liegt es an meinem Kopf oder an der Unnachgiebigkeit meiner (zum Glück nicht von mir) geschneiderten Maske, jedenfalls ziehen die Bänder mächtig an den Ohrmuscheln, was immerhin den Vorteil hat, dass ich mich beim Einkaufen noch mehr beeile als sonst. Nur einen Film mit Überlänge könnte ich so nicht anschauen …

Vereinzelt dürfen die Kinos diese Tage ja wieder öffnen, und bald gibt es – hoffentlich – auch wieder frische Ware. Bis dahin schaue ich verstärkt ältere, mir bislang unbekannte Filme an. Manche davon sind berühmt oder zumindest bekannt, von anderen habe ich dagegen noch nie gehört. Dieser hier fällt in die letztere Kategorie.

A Trip to Bountiful – Reise ins Glück

Carrie Watts (Geraldine Page) lebt seit zwanzig Jahre bei ihrem Sohn Ludie (John Heard) in Houston. Weil er zwei Jahre lang schwer krank war, steht es um die Finanzen der Familie schlecht, zumal die allgemeine wirtschaftliche Lage in den 1940er Jahren ebenfalls recht angespannt ist. Außerdem muss sich Carrie mit ihrer nörgelnden, sie ständig bevormundenden Schwiegertochter Jessie Mae (Carlin Glynn) herumschlagen, die ein größeres Interesse an den Pensionsschecks hat als an ihrer Schwiegermutter. Die alte Dame hat nur einen Wunsch: Sie will vor ihrem Tod noch einmal ihren Heimatort Bountiful sehen. Deshalb schleicht sie sich eines Tages davon und macht sich auf die beschwerliche Reise …

Charles Aznavour hat einmal gesagt: „Nostalgie ist die Sehnsucht nach der guten, alten Zeit, in der man nichts zu lachen hatte“. Das trifft auch für die betagte Carrie zu, die immerzu von ihrem Leben in Bountiful schwärmt, das in ihrer Erinnerung zu einem Paradies wird, aus dem die Not sie vertrieben hat. Dabei verklärt sie die Vergangenheit nicht, sondern berichtet freimütig ihrer Reisebegleiterin Thelma (Rebecca De Mornay) von ihrem geliebten, aber strengen Vater, der ihr verboten hat, ihre Jugendliebe zu heiraten. Von ihrer lieblosen Ehe mit einem viel zu früh verstorbenen Mann, zwei früh verstorbenen Kindern und den Problemen, die sie zum Wegzug veranlasst haben. Es war ein einfaches und sehr hartes Leben, in dem ihr Glaube ihr geholfen hat, mit jedem Schicksalsschlag fertig zu werden.

Carrie ist eine bescheidene, stille Frau voller Würde, ausgestattet mit einer gewissen Listigkeit, die ihr hilft, sich der anstrengenden Jessie Mae zu widersetzen. Hier prallen zwei Frauengenerationen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Jessie Mae sehnt sich nach Zerstreuung und Abwechslung, nach Vergnügen und etwas Luxus, was man ihr nicht verdenken kann. Lediglich ihr kleinlicher Charakter, ihre Heimtücke und Streitlust sind schwer zu ertragen, weshalb man sich durchgehend auf Carries Seite befindet. Vermutlich hätte jeder bei einer solchen Schwiegertochter das Weite gesucht …

Fährt man heute durch Texas, stößt man immer wieder auf verlassene oder nahezu ausgestorbene Kleinstädte, deren Industrie ebenso verschwunden ist wie der Großteil ihrer Bevölkerung. An den Straßenrändern sieht man verfallene Holzhäuser, vor sich hin rostende Fabriken und überwucherte Felder. Auch Carrie muss sich damit auseinandersetzen, dass die Welt ihrer Kindheit und Jugend verloren ist. Ihr Elternhaus ist eine Ruine, die alte Freundin, bei der sie wohnen wollte, kurz vor ihrer Ankunft verstorben. Es ist herzzerreißend, Carries Ankunft in Bountiful zu verfolgen und mit ihr zu erkennen, dass alles verloren ist, was sie einst liebte. Andererseits weiß Carrie zu schätzen, was sie früher gehabt hat, sie hütet ihre Erinnerungen wie wertvolle Schätze und schöpft noch einmal Kraft aus dem letzten Anblick ihres Elternhauses.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von Horton Hoote, der sich in seiner sehr langen Karriere häufiger mit den Nöten der Menschen in den Südstaaten auseinandergesetzt und einen Oscar für seine Adaption von Wer die Nachtigall stört bekommen hat. Sein Trip to Bountiful wurde gleich drei Mal verfilmt, das erste Mal 1953 mit Lillian Gish, zuletzt 2014. Das beweist, wie allgemeingültig der Stoff nach wie vor ist.

Ein langsam erzähltes, aber vor allem im letzten Drittel bewegendes Drama über die Sehnsucht nach der verlorenen Zeit.

Note: 3

Noch kurze Zeit bei Amazon Prime zu sehen.

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...