Besser geht’s nicht

Vor einige Tagen wollte ich mal wieder eine Komödie sehen, habe lange auf Netflix und Prime gestöbert und mir dann einen Film angeschaut, der so wenig witzig und zudem noch langweilig war, weil er sich keinerlei Mühe mit den Figuren, ihren Konflikten oder Entwicklungen gegeben hat, dass ich keine Lust hatte, darüber zu schreiben. Was auch daran liegt, dass ich in der zweiten Hälfte des Films eingeschlafen bin …

Also musste mal wieder ein Klassiker her, und da es im Forum hieß, dieser Film würde nur noch bis Ende Juli bei Netflix zu sehen sein, dachte ich mir, es ist Zeit, ihn nach zwanzig Jahren erneut zu sichten.

Besser geht’s nicht

Melvin (Jack Nicholson) ist ein äußerst unsympathischer Mensch, der rassistische und homophobe Beleidigungen im Minutentakt von sich gibt, jeder anbrüllt, der in seine Nähe kommt, und den kleinen Hund seines schwulen Nachbarn Simon (Greg Kinnear) in den Müllschlucker wirft. Doch Melvin ist auch ein sehr einsamer Mann, der unter massiven Zwangsstörungen leidet. Die einzige, die mit ihm halbwegs zurechtkommt, ist die Kellnerin seines Stammlokals, Carol (Helen Hunt). Doch Carol hat ein chronisch krankes Kind und kein Geld für eine adäquate Behandlung. Als sie für längere Zeit ausfällt und Melvin deshalb aus dem Lokal geworfen wird, beschließt er, Carols Sohn auf eigene Kosten behandeln zu lassen. Gleichzeitig wird Simon überfallen und brutal zusammengeschlagen, und sein Freund (Cuba Gooding jr.) zwingt ausgerechnet Melvin, auf den Hund aufzupassen …

Der Drehbuch-Guru Blake Snyder hat eine Regel aufgestellt, um verhasste Hauptfiguren in einem Film wenigstens ein bisschen sympathischer zu machen, und danach gleich sein gesamtes Buch benannt: „Save the Cat“. Angeblich geht der Ausdruck auf die Katzenrettungsszene in Alien zurück, auch wenn ich der Meinung bin, dass Ripley auch ohne solche sympathisch genug ist, aber gut …

Bei Melvin würde aber selbst die Rettung einer Katze nicht mehr helfen, zumal er gleich zu Beginn des Films einen Hund misshandelt. Allerdings ist Nicholson ein so toller Schauspieler, dass man unter all seinen verbalen Attacken auf andere spürt, dass er von einem starkem Selbsthass geplagt wird. Er wäre gerne ein anderer Mensch, kann aber nicht aus seiner Haut heraus bzw. aus seinen kranken Verhaltensweisen ausbrechen.

Menschen mit Zwangsneurosen waren Ende der Neunziger so selten, dass man Melvin damals noch für einen schrägen Vogel halten konnte, jetzt sind diese Figuren dank David Sedaris und Monk beinahe so allgegenwärtig wie Autisten. Für eine Komödie sind solch extreme Charaktere natürlich eine wunderbare Steilvorlage, und Autor Mark Andrus holt das Beste aus dem Material heraus, das von Regisseur James L. Brooks mit perfektem Timing umgesetzt wird. So etwas sieht man heute leider kaum noch, vielleicht auch, weil es in manchen Momenten durchaus etwas Künstliches hat. Doch es funktioniert immer noch wunderbar und ist um Klassen besser als der gegenwärtige Fremdschäm-Humor.

Die Liebesgeschichte ist zugegebenermaßen ein klein wenig unglaubwürdig, was vor allem am großen Altersunterschied zwischen Nicholson und Hunt liegt, aber den beiden zuzuschauen macht einfach großen Spaß. Auch Greg Kinnear geht voll in seiner Rolle auf und spielt seinen Part sensibel und facettenreich. Insgesamt ist es ein beeindruckender und großartiger Cast, der bis in die kleinsten Nebenrollen exzellent besetzt ist.

Auch nach dreiundzwanzig Jahren immer noch ein großer Spaß!

Note: 2

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...