Anatomie eines Mordes

Es scheint, als müssten die Amerikaner aus allem eine Show machen. Ob es nun die Präsidentschaftswahl ist, die den Zuschauern weltweit einige Nerven und vor allem Geduld abverlangt hat, oder ein Gerichtsprozess – in den USA geriert alles zum großen Showdrama. Nachdem ich unlängst The Trial of the Chicago 7 gesehen habe, entdeckte ich – ebenfalls auf Arte – einen älteren Gerichtsfilm, der zu den großen Klassikern des Genres gehört und den ich tatsächlich noch nicht kannte.

Anatomie eines Mordes

Paul Biegler (James Stewart) war lange Jahre Staatsanwalt einer Kleinstadt in Michigan, wurde jedoch kürzlich abgewählt und schlägt sich nun mit seiner kleinen Kanzlei durch, von der er kaum leben kann. Die meiste Zeit über flüchtet er sich in Selbstmitleid und Angeltrips, doch dann erregt ein spektakulärer Fall sein Interesse: Der Offizier Frederick Manion (Ben Gazzara) hat einen Barbesitzer erschossen, nachdem dieser zuvor Manions Frau Laura (Lee Remick) vergewaltigt hatte. Für den neuen Staatsanwalt Lodwick (Brooks West) und den bekannten Bezirksstaatsanwalt Dancer (George C. Scott) stellt sich der Fall denkbar einfach dar, doch Biegler wittert eine Chance …

Das amerikanische Geschworenengericht geht in seinen Ursprüngen auf das alte Rom zurück, und schon damals war es üblich, dass die Anwälte eine große Show aufgeführt haben, um die Geschworenen zu beeindrucken (und, sollte es nicht reichen, notfalls zu bestechen). Am Ende zählte vor allem, wer die beste Geschichte zu erzählen hatte.

Biegler ist ein hervorragender Geschichtenerzähler, der zudem jeden Kniff kennt, um die Angriffe der Staatsanwaltschaft auszuhebeln und die Geschworenen auf seine Seite zu ziehen. Und da er von James Stewart gespielt wird, ist einem auch ungemein sympathisch. Das gilt leider weder für den Angeklagten noch für dessen Frau. Manion wirkt kalt und zynisch, Laura frivol und leichtlebig. Schon bei ihrer ersten Begegnung mit Biegler flirtet sie so ungeniert mit ihm, dass man sich unwillkürlich fragt, ob dies tatsächlich das Verhalten einer Frau ist, die vor wenigen Tagen das Trauma einer brutalen Vergewaltigung erlebt hat.

Lee Remick spielt Laura sehr gekonnt mit einer Mischung aus Durchtriebenheit, naiver Unschuld, kühler Erotik und mädchenhaftem Charme, dass man bis zum Schluss nicht so recht weiß, was man von ihr halten soll. Spätestens wenn sie von Dancer in die Enge getrieben wird und er ihr die Schuld an dem, was ihr zugestoßen ist, zuschreibt, wird deutlich, dass der Film in seiner Diskussion akzeptablen weiblichen Verhaltens weit über seine Zeit hinaus wirkt. Für die prüden Amerikaner der späten Fünfzigerjahre, die stellvertretend im Gerichtssaal sitzen und bereits bei der Erwähnung des Wortes „Höschen“ verschämt zu kichern beginnen, steht fest, dass eine Frau, die sich aufreizend kleidet und gerne flirtet, eine zweifelhafte Moral besitzt, doch Laura hält selbstbewusst dagegen, dass sie sich nicht in das Korsett gesellschaftlicher Konventionen zwängen lässt und zu ihrer weiblichen Sexualität steht. Dieser Selbstbehauptungsmoment wird von Regisseur Otto Preminger perfekt auf den Punkt gebracht, wenn Laura Biegler am Ende spöttisch ihren Hüftgürtel (um den sich einige Diskussionen ranken) überreicht. Aus heutiger Sicht wünschte man sich, der Film hätte mehr zu diesem Thema zu erzählen gehabt.

Leider nimmt sich der Film eine Menge Zeit, seine Figuren einzuführen und die Tat, an deren Ablauf es keinen Zweifel gibt, ausführlich vorzustellen. Dabei strapaziert er gehörig die Geduld der Zuschauer und ist mit einer Laufzeit von rund 160 Minuten auch nicht gerade kurz. Doch wenn erst die Gerichtsverhandlung beginnt, wird der Film von Minute zu Minute besser. Die Winkelzüge der Anwälte, der sanfte Sarkasmus des Richters (Joseph N. Welch) und nicht zuletzt die großartige Kamera von Sam Leavitt tragen dabei viel zum Vergnügen bei. Auch die geniale Regie, die Musik von Duke Ellington und der Vorspann von Saul Bass gehören zu den Pluspunkten. Schade nur, dass die Story nicht etwas raffinierter ist.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...