Wild Rose

In diesen verunsichernden Zeiten braucht es Tröstliches. Comfort Food oder einen Film, der einen für seine Dauer die Welt um uns herum vergessen lässt. Vielleicht auch beides. Auf der Suche nach einem aufmunternden Cheerie Movie bin ich auf diese britische Produktion bei Netflix gestoßen.

Wild Rose

Rose-Lynn (Jessie Buckley) wird nach einem Jahr aus dem Gefängnis entlassen und kehrt zu ihrer Mutter Marion (Julie Waters) und ihren beiden kleinen Kindern zurück. Die lange Trennung hat sie von ihrem Nachwuchs entfremdet, und das Verhältnis zu ihrer Mutter ist bereits seit Jahren angespannt. Denn Rose-Lynn hat einen Traum, den die pragmatisch denkende, hart arbeitende Marion nicht verstehen kann: Sie will Country-Sängerin in Nashville werden …

„Wir haben beides – Country und Western“, lautet die legendäre Antwort der Blues Brothers auf die Frage, was für Musik sie spielen. Darüber würde Rose-Lynn nur verächtlich die Nase rümpfen, denn für sie zählt nur die ehrliche Country-Musik. „Drei Akkorde und die Wahrheit“ hat sie entsprechend als Motto auf ihren Unterarm tätowiert.

Und Rose-Lynn ist überaus talentiert. Jessie Buckley, die einen jener TV-Conteste gewonnen hat, über die ihre Figur sich an einer Stelle lustig macht, singt die Songs selbst ein und beeindruckt dabei selbst jene, die mit der Art von Musik eigentlich nichts anfangen können. Man kann verstehen, dass sie unbedingt auf die Bühne will, auch wenn Rose-Lynn es einem ansonsten nicht leicht macht, sie zu mögen. Das liegt vor allem daran, dass sie die Menschen in ihrem Leben schlecht behandelt, weil sie ausschließlich auf sich und ihre Karriere fokussiert ist.

Wild Rose ist nicht das klassische Cheerie Movie über einen Außenseiter, der es allen Widerständen zum Trotz schafft, seinen Traum zu erfüllen. Er handelt vielmehr von einer gestrauchelten jungen Frau, die zu sich selbst finden und ihre Ziele im Leben neu ausrichten muss. Er handelt davon, Verantwortung zu übernehmen und sich nicht immer selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Das muss sich in den Ohren vieler Millennials befremdlich anhören …

Regisseur Tom Harper liefert eine solide Milieu-Studie ab und folgt unbeirrt Rose-Lynns Weg zu sich selbst. Es stellt sich heraus, dass sie sich oft selbst die größten Hindernisse in den Weg legt, vor allem, weil sie nicht ehrlich ist, weder zu sich selbst noch zu allen anderen. Auch das erschwert den emotionalen Zugang zu der Figur.

Letzten Endes ist es ein ehrlicher, authentischer Film, weit entfernt von dem Vergnügen eines enthusiastischen Cheerie Movies oder dem Glamour eines Showbiz-Dramas, der aber trotz einiger Längen eine sehr schöne Geschichte erzählt.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...