The Foreigner

Heute entscheidet sich vermutlich, ob es ein Handelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien geben wird. Die Zeichen dafür stehen eher schlecht, aber in der Vergangenheit hat es schon häufiger Einigungen in letzter Minute gegeben, also sollten wir abwarten und nach britischer Tradition Tee trinken. Wichtig wäre ein solches Abkommen vor allem für Irland, das befürchtet, dass es mit der Einführung harter Grenzen zwischen der Republik und dem britisch kontrollierten Nordteil wieder zu Spannungen und Anschlägen kommen wird. Und tatsächlich hat es bereits erste Gewaltaktionen gegeben, die Schlimmes für die Zukunft befürchten lassen.

Kürzlich habe ich auf Prime Video einen Film von 2017 entdeckt, von dem ich noch nie gehört hatte, einen spannenden Rache-Actioner mit Jackie Chan und Pierce Brosnan, der von einem Wiedererwachen des IRA-Terrors handelt.

The Foreigner

Quan (Jackie Chan) ist ein chinesisch-stämmiger Restaurantbesitzer in London, dessen einzige Tochter bei einem Bombenanschlag der Authentic IRA ums Leben kommt. Er hofft auf eine baldige Aufklärung durch die Polizei, doch die kommt mit ihren Ermittlungen nicht voran und vertröstet Quan, der immer wieder nachfragt, auf später. Durch ein Fernsehinterview wird Quan schließlich auf den Deputy Minister Hennessy (Pierce Brosnan) aufmerksam, der früher selbst ein IRA-Aktivist war und nun mit der britischen Regierung kooperiert. Er bietet ihr Informationen über die Täter an, wenn im Gegenzug irische Gefangene, darunter sein Cousin, begnadigt werden. Quan vermutet, dass Hennessy mehr weiß, als er zugibt, und setzt ihn unter Druck, auch mit Gewalt. Daraufhin beginnt Hennessy einen Feldzug gegen den Chinesen …

Der Film lässt sich etwas Zeit, bevor es endlich zur Sache geht. Das liegt vor allem an der komplizierten Situation mit etlichen handelnden Akteuren: den Terroristen, die sich in einer Wohnung versteckt halten und weitere Anschläge planen, den Politikern und der Polizei, die fieberhaft nach ihnen suchen, den diversen IRA-Mitgliedern, denen Hennessy auf den Zahn fühlt, und einem Journalisten, der über den Anschlag schreibt. Darüber hinaus muss auch die Vergangenheit von Quan aufgearbeitet werden, der auf der Flucht aus Vietnam seine beiden älteren Töchter durch Piraten verloren hat und dessen Trauma durch den Tod seiner Jüngsten wieder aktiviert wird. Und natürlich muss auch erklärt werden, woher er so viel über Sprengstoffe und diverse Methoden zu töten weiß.

Wer einen klassischen Rachefeldzug eines trauernden Vaters gegen die Attentäter und ihre Hintermänner erwartet, dürfte überrascht sein, denn in erster Linie handelt der Film vom Kampf zwischen Hennessy und Quan, der sehr schnell eskaliert. Pierce Brosnan spielt Hennessy als einen aalglatten Politiker mit dunkler Terrorvergangenheit, von dem man lange Zeit nicht so genau weiß, auf welcher Seite er eigentlich steht. Außer auf seiner eigenen natürlich. Hinzu kommt, dass seine Ehe mit Mary (Orla Brady) kriselt, weil er eine Affäre hat. Diese Ungewissheit macht einen Großteil der Spannung aus, denn man fragt sich bald, ob Hennessy wirklich der Gewalt abgeschworen hat, wenn er zu solch rabiaten Mitteln greift, um Quan loszuwerden.

Dieses Katz-und-Maus-Spiel wird gekonnt von Regisseur Martin Campbell in Szene gesetzt und wartet mit einer Reihe handwerklich guter Action-Szenen auf. Jackie Chan beweist auch im fortgeschrittenen Alter noch, dass er ordentlich austeilen kann, und bestreitet vermutlich wie immer seine Stunts selbst. So bietet der Film einen guten Ausgleich zu der Charakterstudie zweier ungleicher Männer, die jedoch eines eint: Beider Vergangenheit war durch extreme Gewalt geprägt, beide mussten kämpfen und haben versucht, sich von diesem Teil ihres Lebens zu distanzieren. Wo Quan das stille Glück im Familienleben gefunden hat, hat Hennessy sich für politischen Einfluss und Geld entschieden. Für einen Actionfilm ist das erstaunlich vielschichtig erzählt, was daran liegt, dass die Vorlage ein Roman von Stephen Leather ist.

Wer eine Ablenkung zur besinnlichen, friedlichen Vorweihnachtszeit sucht oder Heiligabend nicht schon wieder Die Hard sehen möchte, sollte The Foreigner eine Chance geben: ein gut gemachter, etwas altmodischer, aber psychologisch tiefgründiger Actionfilm mit einigen Überraschungen.

Note: 3+

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...