Klaus und Dash & Lily

Alle Jahre wieder … sucht man nach dem perfekten Weihnachtsfilm, der einen in die passende Stimmung versetzt – und landet dann doch bei den Klassikern. Für viele ist es Drei Nüsse für Aschenbrödel oder Der kleine Lord, den sie sich Jahr ein, Jahr aus ansehen, oder die Klamotte Hilfe, es weihnachtet sehr. Mein liebster Weihnachtsfilm stammt von 1946: Ist das Leben nicht schön?

Die Streamingdienste im Allgemeinen und Netflix im Besonderen überfluten uns gerade mit zuckrigen jahreszeitlich angemessenen Romanzen, die Weihnachten im Titel tragen und beim Anschauen spontan Diabetes auslösen können. Das muss ja nicht sein, aber etwas Neues wollte ich schon gerne sehen, und so bin ich schließlich bei einem Kinderfilm gelandet, den ich mir bereits 2019 angeschaut hätte – wenn Weihnachten nicht so furchtbar schnell wieder vorbeigewesen wäre, und bei einer neuen Serie, in der es zwar um eine Romanze geht, von der ich aber gehofft habe, dass sie nicht zu zuckrig ausfallen würde …

Klaus

Jesper ist der verwöhnte Spross des Postmeisters, der wenig Interesse daran hat, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Deshalb verdonnert ihn dieser, eine Stelle in dem Ort Zwietrachtingen anzutreten, der weit entfernt im tief verschneiten Norden liegt. Wenn es ihm gelingt, innerhalb eines Jahres 6000 Briefe zu befördern, darf er zurückkehren. Doch leichter gesagt als getan, denn die Einwohner dieses merkwürdigen Ortes haben sich nichts zu sagen, im Gegenteil, sie lassen keine Gelegenheit aus, sich gegenseitig zu bekämpfen…

Die spanisch-britische Co-Produktion war für den Oscar als bester Animationsfilm nominiert, was immer ein Gütesiegel ist. Die Geschichte selbst trägt ihre weihnachtliche Botschaft allerdings mit einer solchen Penetranz vor sich her und ist stellenweise so albern, dass man als erwachsener Zuschauer geneigt ist, nach den ersten zehn Minuten auszuschalten. Das wäre allerdings ein Fehler.

Jede wahrhaft selbstlose Tat zieht eine andere nach sich, lautet das Motto der Geschichte, in der der Titelheld ein einsamer Holzfäller ist, auf den Jesper nach seinem holperigen Start in der Stadt stößt. Dieser hat eine Menge Spielzeug, das er in seiner Freizeit gebastelt hat, und Jesper bringt ihn auf die Idee, dieses an die Kinder des Ortes zu verschenken – wenn diese zuvor ihre Wunschzettel als Briefe versenden. Man muss kein Hellseher sein, um zu ahnen, dass uns die Attribute und Gepflogenheiten rund um den Mythos des Weihnachtsmanns diesmal auf kuriose Art und Weise nähergebracht werden sollen. Wie Santa Claus, der eindeutig Pate stand, zu seinem Outfit, dem Schlitten samt Rentieren und der Tradition, die Geschenke durch den Kamin zu befördern, gekommen ist, wird hier auf humorvolle und mitunter skurrile Art nacherzählt.

Der wahre Zauber der Story entfaltet sich aber erst in seiner zweiten Hälfte, genauer gesagt sogar erst im letzten Drittel, wenn man mehr über Klaus und seine Vergangenheit erfährt und die Geschichte eine wehmütige Note bekommt. So wird man, ganz in der Tradition von Weihnachten, doch noch mit dem eher mäßig gelungenen Rest versöhnt und kann am Ende noch ein Tränchen verdrücken.

Note: 3

Weil Weihnachten vor der Tür steht, gibt es heute noch eine kleine Zugabe: Kürzlich erschien auf Netflix die Serie Dash & Lily, und da der Trailer ganz charmant aussah, habe ich ihr eine Chance gegeben.

Dash (Austin Abrams) findet in seiner Lieblingsbuchhandlung in New York ein rotes Notizbuch, in dem eine unbekannte junge Frau ihn zu einer kleinen Mutprobe herausfordert. Weil ihm gefällt, was sie schreibt, und er eine verwandte Seele in ihr vermutet, lässt er sich darauf ein. Doch anders als Dash, der Weihnachten hasst, unter seinen lieblosen Eltern leidet und sich gerne zurückzieht, ist Lily (Midori Francis) ganz versessen auf Weihnachten. Auch sie fühlt sich eher als schrullige Außenseiterin, die nur wenige Freunde hat und gerne Zeit mit ihrem Großvater (James Saito) verbringt. Sie beginnen, sich über das Notizbuch Nachrichten zu schicken und Aufgaben zu stellen, scheuen aber lange Zeit vor einem persönlichen Treffen zurück …

Es ist eine altbekannte Tatsache, dass es einem leichter fällt, einem Fremden sein Herz auszuschütten. Barkeeper könnten ganze Bücher darüber schreiben. Dash und Lily sind einsame, empfindsame Teenager (auch wenn sie aussehen wie Mitte zwanzig), die Bücher lieben und Probleme mit ihren Eltern oder ihren Altersgenossen haben. Doch sie entdecken im jeweils anderen einen Gleichgesinnten, und natürlich erwächst im Laufe der Zeit daraus Zuneigung.

Willkommen in der Welt der Teenie-Romanze. Die Handlung ist tatsächlich alles andere als originell, und ob es solche Teenager in der realen Welt oder nur in der einschlägigen Literatur gibt, sei mal dahingestellt. Auch das Setting in der gut situierten New Yorker Gesellschaft trägt nicht unbedingt dazu bei, die Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Doch überraschenderweise entfaltet die Geschichte schon nach der ersten Folge, die knapp eine halbe Stunde dauert, einen unwiderstehlichen Charme und einen Sog, der einen nicht mehr loslässt. Das liegt an den sympathischen Darstellern, aber auch an der Kulisse des weihnachtlichen New York. Darüber hinaus wissen die Autoren – die Geschichte basiert auf einem Roman von Rahel Cohn und David Levithan – einen immer wieder mit dem einen oder anderen amüsanten Detail zu überraschen. Jüdische Punk-Musik zum Beispiel.

Von der Tonalität erinnert die Serie an die Geschichten von John Green. Wie in allen Coming-of-Age-Stories geht es um Unsicherheit, das Bedürfnis nach Anerkennung und Probleme mit den Eltern, aber auch um die Suche nach der eigenen Identität. Gemessen an manchen Filmen von John Hughes wie Der Frühstücksclub oder Pretty in Pink fehlt zwar der gesellschaftskritische Kontext, enthält jedoch genug Identifikationspotential, dass man sich auch als erwachsener Zuschauer an seine eigene Jugend erinnert fühlt.

Wer Lust auf eine charmante, nicht allzu kitschige und weihnachtlich angehauchte Romanze hat, sollte der Serie mal eine Chance geben.

Das war’s von meiner Seite für dieses Jahr. 2020 war … sagen wir mal, eine Herausforderung. Für mich persönlich war es ein überaus arbeitsreiches Jahr mit zu wenigen Pausen, weshalb ich mir nun eine kleine Auszeit gönnen werden. Ich wünsche allen Lesern ein frohes, entspanntes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch. Bleibt gesund, passt auf euch auf und freut euch auf viele spannende Filme in 2021 – hoffentlich bald wieder im Kino!

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...