The Prom

Als ich um die zwanzig war, hatte ich eine kurze Musical-Phase. Vielleicht hatte das mit meinem Theaterkurs an der Schule einige Jahre zuvor zu tun, als wir dort die Revue Kleiner Mann, was nun? von Tankred Dorst nach dem Roman von Hans Fallada aufgeführt haben. Jedenfalls habe ich in den Jahren danach einige Musicals auf der Bühne gesehen, angefangen mit Cats und Das Phantom der Oper, über 42 Second Street und Hair hin zu Miss Saigon und einigen anderen, danach war es mit der Leidenschaft aber weitgehend vorbei.

Mit Musical-Verfilmungen bin ich dagegen nie richtig warmgeworden. Was auf der Bühne gut funktioniert, vor allem die märchenhafte Überhöhung der Geschichten, wirkt auf der Leinwand oft schal und unglaubwürdig. Sicher, auch Filme sind meistens bigger than life, und gerade Hollywood zeichnet oft ein überaus geschöntes Bild von unserer schnöden Wirklichkeit, aber nirgends sieht das Leben künstlicher und unechter aus als in einer Musical-Verfilmung.

Dennoch war ich neugierig auf die Verfilmung von The Prom, was allein an der Besetzung liegt, die mit Meryl Streep und Nicole Kidman hochkarätig ist, und Weihnachten schien mir der richtige Zeitpunkt dafür.

The Prom

Dee Dee Allen (Meryl Streep) ist ein gefeierter Broadway-Star, dessen jüngste Premiere jedoch zu einem Fiasco gerät. Es ist nicht das erste Mal, dass sie von der Kritik verrissen wird, auch weil sie als laut, unbequem und überaus narzisstisch gilt. Auch ihr Kollege Barry (James Corden) leidet unter diesen Vorwürfen und einem Verblassen des einstigen Ruhms, während Angie (Nicole Kidman) nie über die zweite Reihe hinausgekommen ist und Trent (Andrew Rannells) von einer solchen Position nur träumen kann. Gemeinsam beschließen sie, sich einer guten Sache anzunehmen und damit positive PR zu bekommen. Als sie hören, dass im ländlichen Indiana ein Schul-Abschlussball abgesagt wurde, damit die lesbische Schülerin Emma (Jo Ellen Pellman) nicht teilnehmen kann, reisen sie in die Provinz, um es mit der Engstirnigkeit und Bigotterie der Konservativen unter der Führung von Mrs. Greene (Kerry Washington) aufzunehmen …

Von ähnlichen Fällen, in denen queere Teenager vom Abschlussball ausgeschlossen wurden, hat man in den amerikanischen Medien häufiger gehört, und die Momente, in denen die Ungerechtigkeit der Entscheidungen des Elternbeirats thematisiert werden, gehören zu den stärksten des Films. Das gipfelt ungefähr in der Mitte des Films in einer besonders perfiden Aktion, über die hier nicht viel verraten werden soll, die aber den emotionalen Höhepunkt darstellt.

In der ersten Hälfte, die vor diesem Ereignis liegt, funktioniert der Film einigermaßen gut. Im Mittelpunkt stehen jedoch nicht, wie man vielleicht annehmen könnte, die arme Emma, die von ihren Eltern vor die Tür gesetzt wurde und bei ihrer verständnisvollen Großmutter aufwächst, ihre heimliche Liebe zu Alyssa (Ariana DeBose), die auch noch die Tochter von Mrs. Greene ist, wodurch sich eine Romeo-und-Julia-Konstellation ergibt, und die daraus resultierende Diskriminierung, sondern die vier Schauspieler und Sänger oder vielmehr ihre aufgeblasenen Egos. In seinen besten Momenten findet der Film einen wunderbaren satirischen Ton, um die Befindlichkeiten der Stars aufs Korn zu nehmen, in der Summe ist diese Selbstbeweihräucherung jedoch enervierend.

Wie es die Gesetzmäßigkeiten der Dramaturgie fordern, sollen Dee Dee und Konsorten im Verlauf der Geschichte eine Wandlung zum Besseren erfahren, menschlicher und emotional zugänglicher werden, was auf dem Papier auch gut funktioniert, aber leider völlig unglaubwürdig bleibt. So köstlich Meryl Streep auch die eitle Diva spielt, es will weder der Funke überspringen noch will sich irgendeine Form von Sympathie einstellen. Dee Dee ist am Ende vielleicht eine Spur weniger selbstbezogen, bekommt zur Belohnung sogar noch eine Liebesgeschichte mit einem jüngeren Mann (Keegan-Michael Kee) spendiert, bleibt aber dennoch ein paillettenbesetztes Biest.

Glaubwürdiger als Figuren sind vor allem Angie und Trent, denen der große Ruhm bislang versagt geblieben ist und die daher auch weniger korrumpiert sind. Leider bleiben sie bloße Nebenfiguren. Das wahre Herz der Geschichte ist jedoch Emma, die von einer fantastischen Newcomerin verkörpert wird, die es tatsächlich schafft, nicht nur gegen die geballte Starpower anzuspielen, sondern viele Akteure sogar ganz schön blass aussehen zu lassen. Im Fall von James Corden ist das allerdings keine große Kunst, denn so talentiert er als Sänger und Host seiner Sendung auch sein mag (und sympathisch wirkt er auch), als Schauspieler verfügt er leider über sehr begrenzte Fähigkeiten. Den vielfach gemachten Vorwurf, dass er als heterosexueller Schauspieler einen Schwulen darstellt und dabei hemmungslos übertreibt, kann ich allerdings nicht teilen. Sein Schwulsein nehme ich ihm ab, aber nicht die Verletzungen, über die er spricht, oder die späte Auseinandersetzung mit seiner Mutter (Tracey Ullman).

Das größte Ärgernis ist jedoch die Regie der Musical-Nummern von Ryan Murphy. Anstatt die Choreografie inszenatorisch zu unterstreichen, scheint er eher mit ihr im Clinch zu liegen. Permanente Kamerafahrten sollen Dynamik erzeugen, sorgen jedoch nur dafür, dass man zu wenig von den Bewegungen der Tänzer sieht, und zu viele hektische Schnitte und Großaufnahmen zerlegen den Rest der Choreografie in ihre Einzelteile wie Leatherface eine Gruppe Teenager. Das Beste, was man von dieser Leistung sagen kann, ist, dass sie in Zukunft als abschreckendes Beispiel für andere Regisseure dienen könnte.

So überambitioniert wie die Regie ist auch stellenweise auch das Drehbuch, das zu viel sein will: eine satirische Abrechnung mit der Eitelkeit der Stars, ein Diskurs über die kulturellen und politischen Differenzen zwischen urbanen Künstlern und Freigeistern und provinziellen Kleingeistern, ein Plädoyer für Toleranz und Akzeptanz, eine Love Story und vieles mehr – die Geschichte findet kein Zentrum und kein Thema, sondern mäandert in viele Richtungen. Das macht sich vor allem in der zweiten Hälfte bemerkbar, in der der Plot völlig auf der Stelle tritt und die viel zu passiven Figuren nur noch um sich selbst kreisen, bis sich am Ende, dank einiger peppiger Liedchen, alles in Wohlgefallen auflöst. Engstirnigkeit und Homophobie, so lernen wir, sind wie schlechte Laune: Ein aufklärerischer Song über Jesus kann sie ganz einfach hinwegfegen. So schlicht ist selbst ein Musical nicht gestrickt.

Note: 3-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...