Soul

Mark G. hat vergangenen Freitag schon darüber berichtet, dass wir an der virtuellen Tradeshow von StudioCanal teilgenommen haben. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich nicht nur das Kino und die großartigen Filme, die es uns beschert, vermisse, sondern auch die dazugehörigen Trailer. Weil letztes Jahr immer mehr Filme verschoben wurden, gibt es schon seit langem kaum neue Trailer zu sehen und wenig Neues, worauf man sich freuen kann. Diese Vorfreude wurde nun durch einige vielversprechende Produktionen neu geweckt, und dafür bin ich dankbar.

Zu den vielen filmischen Corona-Opfern 2020 zählt auch Soul. Der neue Animationsstreich aus dem Hause Pixar hätte im Kino laufen sollen, und wir alle hatten uns auch schon lange darauf gefreut, aber am Ende hat ihn Disney bei uns dann doch auf seiner Streamingplattform veröffentlicht. Immerhin konnte ich ihn mir so gleich an Weihnachten anschauen und musste nicht länger warten.

Soul

Joe ist ein leidenschaftlicher Jazz-Pianist, dem bislang jedoch der große musikalische Durchbruch versagt geblieben ist. Stattdessen arbeitet er schon seit vielen Jahren als Musiklehrer an einer High-School und erhält nun sogar das Angebot einer Festanstellung. Gleichzeitig vermittelt ihm ein ehemaliger Schüler, den nun im Quartett einer legendären Jazz-Musikerin spielt, die Chance, bei der Band einzusteigen. Joe ist begeistert – kommt jedoch plötzlich durch einen Unfall ums Leben. Auf dem Weg ins Jenseits beginnt Joe gegen sein Schicksal aufzubegehren: Er will wieder zurück in seinen, im Koma liegenden Körper. Zu seinem unfreiwilligen Helfer und Reisegefährten wird dabei die ungeborene Seele Nummer 22, die sich bislang immer geweigert hat, ein Leben auf der Erde zu führen…

Regisseur Pete Docter ist bekannt für ungewöhnliche Stoffe, die weit über das hinausgehen, was man sonst in Animationsfilmen zu sehen bekommt. Ob die Monster AG, Oben oder Alles steht Kopf – die Filme gelten mittlerweile alle als Klassiker, und Soul wird sich ebenfalls dieser Reihe anschließen.

Dabei ist das zugrundeliegende Erzählmuster so durchschnittlich und vorhersehbar, wie man sich das nur vorstellen kann. Da alle großen Hollywoodfilme seit Jahren nach demselben dramaturgischen Prinzip konstruiert werden, kann man die Uhr nach den Plotpoints stellen und weiß genau, wie die Geschichte ausgehen wird. Das ist schade, weil Geschichten auf diese Weise zu konform, zu überraschungsarm sind.

Auf der anderen Seite gibt es diese wunderbare Grundidee, angereichert durch liebevolle Details und eine witzige Figurenkonstellation, die einen durchweg gut unterhält. Jede einzelne Szene ist perfekt durchdacht und wird durch manchmal kleine Begebenheiten am Rande zu etwas Besonderem. Man achte nur auf die Episode mit der gepeinigten Kundin am Anfang, wenn Joe im Laden seiner Mutter ist („Bitte, sagen Sie Ja …“).

Auch sonst strotzt der Film vor Einfallsreichtum. Sei es der veränderte Zeichenstil der Figuren im Jenseits, der bisweilen an La Linea erinnert, aber auch Anleihen bei Picasso und Miro nimmt, oder die Art und Weise, wie philosophische Konzepte spielerisch umgesetzt werden. Darüber hinaus ist der Film über weite Strecken ungemein witzig, was vor allem an den beiden ungleichen Partnern Joe und 22 liegt, die beide eine Entwicklung durchmachen, die auch den Zuschauern etwas zum Nachdenken mitgibt. Am Ende erklärt uns der Film sogar, worauf es wirklich im Leben ankommt – wer hätte das je von einem Animationsfilm erwartet?

Note: 2

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...