Atomic Blonde

Am Sonntag war ich endlich im Kino, um mir Atomic Blonde anzuschauen, auf den ich mich schon gefreut hatte, seit der toll geschnittene Trailer erschienen war. Normalerweise komme ich immer ein klein wenig zu spät, aber rechtzeitig zu den Trailern, diesmal habe ich jedoch die volle Dröhnung Werbung abbekommen. Da ich seit Jahren kaum noch fernsehe, bin ich auch keine Reklame mehr gewöhnt – und fand sie ziemlich nervig. Zum Glück dauerte sie nur wenige Minuten, gefolgt von sage und schreibe zwölf (!) Trailern. Ich liebe es, Trailer im Kino zu sehen, aber ein Dutzend waren einfach zu viel. Als der Film losging, hatte ich bereits etliche andere Geschichten im Kopf und Mühe, mich auf das zu konzentrieren, was über die Leinwand flimmerte …

Atomic Blonde

Die britische Agentin Lorraine (Charlize Theron) wird im November 1989 nach Berlin geschickt, um eine Liste mit westlichen Spionen wiederzubeschaffen, die man einem ihrer ermordeten Kollegen gestohlen hat, nachdem dieser sie von einem Stasi-Offizier (Eddie Marsan) erhalten hatte. Als Täter kommen nur die Russen in Frage, doch als Lorraine in Berlin eintrifft, kennen diese bereits ihre Mission und versuchen, sie zu töten. Schon bald ist klar, dass es einen Doppelagenten in ihren Reihen geben muss …

Gegen Ende des Films macht der britische Agent David Percival (James McAvoy) eine treffende Bemerkung: „Wer hat gewonnen? Und worum ging es eigentlich in dem Spiel?“ Genau dasselbe kann man auch über die komplizierte Handlung der Geschichte sagen, die kein Versatzstück eines handelsüblichen Spionagethrillers auslässt: Es gibt Doppelagenten, Überläufer und abtrünnige Spione, geheime Netzwerke, Auftragsmörder und jede Menge Tote. Aber viel hilft eben nicht immer viel, und so bleibt vor allem die Story auf der Strecke, die stellenweise wenig Sinn ergibt, gerade in der ersten Hälfte ewig auf der Stelle tritt und dennoch vorhersehbar ist.

Abgesehen von einem schwachen Drehbuch von Kurt Johnstad, das auf dem Comic The Coldest City von Antony Johnston und Sam Hart beruht, sind auch die Charaktere zu bemängeln, für die man sich in dieser ach so kalten Stadt einfach nicht erwärmen kann. Charlize Theron ist ein eindrucksvolle Actionheldin, die überaus glaubwürdig Leute vermöbelt und umbringt, dabei aber keinerlei Emotionen zeigt – vielleicht aus Angst, dann als zu weiblich abgestempelt zu werden, obwohl ihr gleichzeitig kein Rock zu kurz und kein Absatz zu hoch ist. Auch die anderen Figuren sind im besten Falle zwielichtig wie David Percival oder die von Sofia Boutella gespielte laszive französische Agentin – oder sie sind eben böse Russen. Deutsche spielen im Spiel der Spione kaum eine Rolle, allenfalls als geheimnisvoller Kontaktmann (Til Schweiger), von dem man nicht so genau weiß, was er eigentlich tut. Auf der anderen Seite des Schreibtischs gibt es noch die üblichen Bürohengste, die mit Toby Jones und John Goodman exzellent besetzt sind, die aber nichts zu tun haben.

Es sind zwei Dinge, die Atomic Blonde dennoch zu einem guten Film machen, zum einen die tolle Ausstattung (Production Design: David Scheunemann) und Inszenierung (Regie: David Leitch, Kamera: Jonathan Sela) von Berlin als the coolest City, in der die Achtziger so abgerockt und stylish wirken wie sie in Wirklichkeit nie waren. Unterstützt wird das noch von einem tollen Soundtrack, der nur wenige Hits aus diesen Jahren auslässt. Zum anderen besticht der Film durch seine atemberaubenden und unangenehm realistischen Nahkampf-Action-Szenen, bei denen man das Gefühl hat, jeden einzelnen Schlag zu spüren und das Blut im Gesicht zu schmecken. Im Gegensatz zu James Bond, der auch nach der wüstesten Schlägerei noch so aussieht, als wäre er einem Modemagazin entstiegen, erweckt seine Kollegin Lorraine den Eindruck, sie hätte all die Prügel tatsächlich einstecken müssen.

Wäre die Geschichte besser gewesen, wäre vielleicht ein Meisterwerk herausgekommen, aber auch so ist es immer noch ein bemerkenswerter Film.

Note: 3+

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Pi Jays Corner und verschlagwortet mit , , von Pi Jay. Permanenter Link zum Eintrag.

Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...