Barry Seal: Only In America

Vergangenes Wochenende war ich gleich zweimal im Kino. Es gibt schließlich noch einige Filme, die ich nachholen muss. Einer davon war …

Barry Seal: Only In America

Barry Seal (Tom Cruise) ist ein Verkehrspilot, der Ende der Siebzigerjahre von der CIA beauftragt wird, aus der Luft die militärischen Stellungen der Rebellen in Lateinamerika zu fotografieren. Weil er viel in Honduras, Nicaragua und Kolumbien unterwegs ist, wird auch bald das Drogenkartell von Pablo Escobar auf ihn aufmerksam und bietet ihm viel Geld, wenn er für sie Kokain in die USA schmuggelt. Der Geheimdienst weiß von seinen Aktivitäten und toleriert sie, im Gegenteil, er erweitert sogar Barrys Tätigkeitsfeld und macht ihn zum Waffenschmuggler für die Contras in Nicaragua. Schon bald wird Barry schwerreich, weiß aber kaum, wohin mit seinem illegal erworbenen Bargeld. Außerdem sind ihm die DEA und das FBI auf den Fersen, und mit einem verrückten Drogenboss wie Escobar wird es auch nie langweilig …

Die Geschichte ist so verrückt, dass kein Autor sie erzählen könnte, ohne der hemmungslosen Übertreibung bezichtigt zu werden. Barry Seal ist ein uramerikanischer Sonnyboy, der den ultimativen Traum der Vereinigten Staaten lebt und aus dem Nichts ein Millionenimperium errichtet – allerdings auf der falschen Seite des Gesetzes. In einer bezeichnenden Szene des Films liest Barry in der Biografie von Al Capone, während seine Frau ihn darauf hinweist, dass der Hund eine Tasche mit Geld ausgegraben hat und im Garten jede Menge Bargeld herumfliegt. Reichtum, vor allem die Unmengen an Bargeld, die Barry für seine Dienste erhält, wird so zu einem handfesten Problem.

Tom Cruise ist die perfekte Besetzung dieses unverwüstlichen Abenteurers, der ungeheuer charmant und ausgefuchst ist, sich aber permanent in Gefahr begibt. Er ist ein Macher, einer, der erst handelt und dann über die Konsequenzen nachdenkt – oder sie einfach wegzulächeln versucht. Sogar dann noch, wenn ihm ein Zahn fehlt oder er gerade von FBI, DEA und der Staatspolizei festgenommen wurde. Barry ist teflonbeschichtet, kein Problem bleibt dauerhaft an ihm kleben, und das wird für den Film zum Hemmnis.

Es gibt zwar eine Menge kleinerer Konflikte, manchmal mit den verrückten Drogenbossen aus Südamerika oder widerspenstigen Rebellen im Dschungel, aber auch mit der eigenen Familie, die aber allesamt episodisch bleiben. Dass seine Tätigkeit zu einem moralischen Konflikt führt, sollte man eigentlich annehmen, entweder bei Barry selbst oder wenigstens im Zusammenleben mit seiner Frau Lucy (Susan Wright). Doch zum Glück für Barry stellt sie nie die richtigen Fragen. Nur sein grenzdebiler Schwager JB (Caleb Landry Jones) wird zu einer gewissen Gefahr, aber auch da muss Barry nicht wirklich handeln, sondern kann sich auf seine Freunde verlassen. Das macht die Hauptfigur zu einem weitgehend passiven Charakter, dem man emotional nie wirklich nahekommt, obwohl er es ist, der die Geschichte erzählt.

So ist der Film nicht viel mehr als eine anekdotenhafte Aneinanderreihung verrückter Lebensstationen, die in einem Achterbahntempo auf einen gewaltigen Crash hinausläuft. Das ist schade, weil sie noch mehr hätte sein können, nämlich ein Sittenbild der damaligen Zeit, eine groteske, aber dennoch nicht weniger präzise Auseinandersetzung mit der amerikanischen Politik.

Gelegentlich deutet sich dieses Potential tatsächlich an, in kurzen, skurrilen Randbemerkungen, etwa dem dokumentarischen Einspieler, in dem Ronald Reagan und seine Frau Nancy ihre „Just say no“-Anti-Drogenkampagne verkünden, ein bitterer, ironischer Kommentar zu Barrys Geschichte. Die wahren Ausmaße der amerikanischen Interventionen in Lateinamerika, die Verstrickungen von Politik und organisiertem Verbrechen werden dabei gefährlich verharmlost und ihre zahllosen Opfer dadurch posthum verhöhnt. Politische Sensibilität oder klare Fakten sollte man von dieser Groteske jedenfalls nicht erwarten.

Doug Liman erzählt dieses skurrile, schrille und aberwitzige Bio Pic in den nervösen, etwas grobkörnigen Bildern einer verwackelten Handkamera, die Authentizität vorgaukeln sollen, aber nicht darüber hinwegtäuschen können, dass der Film bestenfalls an der Oberfläche seines Themas kratzt und einen großen erzählerischen Bogen und einen ernsthaften Konflikt vermissen lässt. Der Rest ist, trotz einiger Längen, aber immerhin noch leidlich unterhaltsam.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...