Kingsman: The Golden Circle

Am Mittwoch muss ich schon wieder verreisen. Diesmal geht es zu einer Projektbesprechung nach Berlin, über die ich leider noch nichts verraten darf. Das bedeutet, dass ich in nächster Zeit noch weniger Gelegenheiten haben werde, ins Kino zu gehen, bevor die Filme entweder im Spätprogramm oder in der Versenkung verschwunden sind. Es ist wirklich zu ärgerlich, dass es kaum noch Nachmittagsvorstellungen von Filmen gibt, die kein rein minderjähriges Publikum ansprechen, denn ich würde mir eher um 15 Uhr Zeit für eine Vorstellung nehmen als um 23 Uhr.

Egal, am Sonntag habe ich es immerhin geschafft, mir eine Fortsetzung anzuschauen, auf die ich mich seit langem gefreut habe.

Kingsman: The Golden Circle

In der Not, sagt man, lernt man seine wahren Freunde kennen: Sämtliche Kingsman-Filialen sowie das Hauptquartier werden bei einem Angriff zerstört, die einzigen Überlebenden sind Eggsy (Taron Egerton), der zu diesem Zeitpunkt die königlichen Eltern seiner Freundin Tilde (Hanna Alström) besucht hat, und Merlin (Mark Strong). Die beiden finden heraus, dass es in den USA einen Schwester-Geheimdienst namens Statesman gibt, und suchen bei den Kollegen Unterstützung. Dort erfahren sie, dass Harry (Colin Firth) noch lebt, aber sein Gedächtnis verloren hat. Gemeinsam mit den amerikanischen Kollegen (Jeff Bridges, Halle Berry, Channing Tatum und Pedro Pascal) machen sie sich auf die Suche nach der Superschurkin Poppy (Julianne Moore), die hinter den Anschlägen auf die Kingsman steckt und einen teuflischen Plan verfolgt …

Der erste Teil war vor einigen Jahren eine wunderbare Überraschung, eine Agentenstory voller schräger Einfälle wie explodierender Schädel, verschrobener Gegenspieler und aberwitziger Action. Ein großer Spaß. Kann die Fortsetzung da mithalten?

Schon während der Sichtung wurde schnell klar: Nein, kann sie nicht. Dabei ist der Anfang vielversprechend und actiongeladen, aber nach den Bombenangriffen geht dem Film die Puste aus. Das wäre nicht weiter schlimm gewesen, hätte dafür die Trauer um den Verlust ihrer Freunde und Kollegen im Mittelpunkt gestanden, aber emotional wird die Geschichte leider gar nicht, sie gönnt den ausgeschiedenen Darstellern nicht einmal einen starken Abgang oder eine bemerkenswerte Szene.

Matthew Vaughn und Jane Goldman haben einfach ein sehr schwaches Drehbuch abgeliefert, das noch mindestens ein oder zwei weitere Fassungen gebraucht hätte, um akzeptabel zu sein. Die Figurenzeichnung bleibt oberflächlich, Emotionen können sich nicht entfalten und den Gegenspielern fehlt es an Persönlichkeit (was kann man aber auch erwarten, wenn die besten davon Roboter sind?).

Eine gute Fortsetzung greift die Stärken der Vorlage auf und variiert sie. So entdeckt Eggsy nach Kingsman nun die Welt von Statesman, aber abgesehen von einigen Details unterscheiden sie sich kaum. Kennt man einen Geheimdienst, kennt man alle. Hier und da gibt es ein paar nette Anspielungen auf die britisch-amerikanischen Beziehungen, die von gegenseitigem Neid wie auch von Bewunderung geprägt sind, aber das alles bleibt sehr harmlos und ohne Biss.

Mit Julianne Moore gibt es zum Glück erneut eine gute Schurkin, nur hat sie – im Gegensatz zu Samuel L. Jackson – nichts zu tun. Sie steht oder sitzt meist nur herum, erläutert ihre sinisteren Pläne und brät – wenigstens eine gelungene Szene – einen Hamburger. Auch der finale Kampf findet weitgehend ohne sie statt. Immerhin hat Elton John ein paar ganz launige Szenen.

Auch die Action kommt leider viel zu kurz. Verfügte der Vorgänger noch über einige bemerkenswerte Szenen und spektakuläre Kämpfe, bleibt diesmal nichts davon in Erinnerung. Außerdem dauert es nach der fulminanten Auftaktszene eine gefühlte Ewigkeit, bevor Eggsy wieder einmal seine Kampfkunst unter Beweis stellen muss.

Es scheint, als habe man in viel zu kurzer Zeit einen Nachfolger auf die Beine stellen wollen und dabei an allen Ecken und Enden gespart. Es wurden zwar gute Schauspieler geholt, aber kaum eingesetzt, die Spezialeffekte sehen teilweise aus wie aus einer schlechten Fernsehserie, und selbst Matthew Vaughn schien bei der Regie keine große Lust auf die Geschichte gehabt zu haben.

Man wird zwar trotz allem noch ganz angemessen unterhalten, aber es ist bei weitem kein guter Film. Vielleicht waren meine Erwartungen auch einfach zu groß.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...