Victoria & Abdul

Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell man nach der Rückkehr aus dem Urlaub vom Alltag eingeholt wird. Einige dringend zu beantwortende Nachrichten und ein paar Termine – und schon ist man wieder drin im Hamsterrad. Auch das miese Wetter hat nicht gerade dazu beigetragen, meine Urlaubslaune nach Deutschland zu retten, daher bin ich für das vergangene sonnige Wochenende wirklich dankbar.

Nur für die Kinos waren die spätsommerlichen Temperaturen nicht gerade optimal, da war in den Straßencafés vermutlich deutlich mehr los. Dabei gibt es im Moment so ein überreiches Angebot, dass man zweimal pro Woche ins Kino gehen könnte. Wenn ich mir das aktuelle Programm ansehe, muss ich sagen, dass es mindestens ein halbes Dutzend Filme gibt, die ich noch sehen will. Das grenzt dann schon fast an Freizeitstress…

Zum Glück habe ich mindestens einen davon schon vorab sehen dürfen:

Victoria & Abdul

Anlässlich ihres goldenen Thronjubiläums 1887 wird der junge Inder Abdul Karim (Ali Fazal) nach London geschickt, um Königin Victoria (Judi Dench) eine Ehrenmedaille zu überreichen. Während sein Kollege Mohammed (Adeel Akhtar) das raue Klima hasst und schnellstmöglich wieder nach Hause zurückkehren möchte, findet Abdul Gefallen an diesem Abenteuer. Als es ihm gelingt, die Aufmerksamkeit und Neugier der schwermütigen Königin zu erregen, wird er alsbald zu ihrem persönlichen Diener befördert. Ihm gelingt es, die Monarchin aus ihrer Lethargie zu reißen und ihre Wissbegier für die von ihr regierten Länder und ihre Menschen zu wecken. Zwischen den beiden entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft, die viele Neider auf den Plan ruft …

„Schwer ruht das Haupt, das eine Krone drückt“, wusste schon Shakespeare, und auch Königin Victoria ist des Regierens, sogar des ganzen Lebens überdrüssig geworden. Ihr geliebter Prinz Albert ist tot, ebenso ihr Lebensgefährte Mr. Brown – ihre Beziehung zu Letzterem war ebenfalls einmal Thema eines Films (Mrs. Brown), in dem Judi Dench die Herrscherin spielte. Insofern kann man Victora & Abdul als eine thematische Fortsetzung betrachten.

Die erste Hälfte des Films ist großartig. Sie beginnt in Indien, das so farbenprächtig und quirlig ist, wie man sich das vorstellt, und setzt sich dann in den prachtvollen Palästen Großbritanniens fort. Ausstattung und Kostüme sind entsprechend opulent und vermitteln ein detailgetreues Bild jener Zeit.

Auch die Figuren schließt man schon nach kurzer Zeit ins Herz: Die kratzbürstige, aber gelangweilte Victoria, die sich immer wieder gegen das starre Hofzeremoniell auflehnt, in ihrer Rolle als Herrscherin aber gefangen ist, von ihren Hofdamen aus dem Bett gerollt und wie eine Puppe angezogen wird, gesagt bekommt, was sie zu tun, wen sie zu treffen, was sie zu essen hat – es ist eine Paraderolle für Judi Dench. Aber auch Ali Fazal ist ein durch und durch sympathischer junger Mann, der mit offenen Augen und großer Neugier durch die Welt geht und alles als ein Abenteuer betrachtet. Er weckt nicht nur das Interesse der Königin an Indien und seinen Bewohnern, sondern auch das der Zuschauer.

Erst spät kommen Zweifel an seinen Absichten und Qualifikationen. Ist es alles wahr, was er der Königin über sein Land erzählt, oder verfolgt er seine eigenen Interessen? Die Behauptungen sind Teil einer Intrige, deren Ziel es ist, die beiden ungleichen Freunde zu entzweien, werden jedoch nie ganz entkräftet. Zu einem richtigen Konflikt kommt es ohnehin nicht, da Abdul dazu schweigt und das Drehbuch zu viele Fragen unbeantwortet lässt.

Die Geschichte von Victoria und Abdul beruht auf wahren Ereignissen, aber da die Palastintrigen nie ihr Ziel erreichen und auch sonst nichts die Freundschaft, die bis zum Tod der Königin 1901 andauerte, trüben konnte, bleibt der Film weitgehend ereignislos. Es ist eine nette Anekdote, die Stephen Frears uns erzählt, aber mehr auch nicht. Verglichen mit The Queen, seinem Film über Elizabeth II., bleiben die Charaktere eher oberflächlich und zweidimensional, was sehr schade ist.

Dennoch überwiegt der positive Eindruck, denn, wie gesagt, die erste Hälfte ist genau das, was der Trailer verspricht. Es ist ein opulentes Historienspiel, voller Witz und einprägsamer kleiner Episoden.

Note: 2

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...