Mindhunter

Die Streamingdienste haben sich ganz schön was vorgenommen, um uns auf die Couch zu bannen. Netflix pumpt immer mehr Geld in seine Eigenproduktionen, Amazon steht dem kaum nach, auch wenn der Versandriese vergleichsweise eher zu kleckern als zu klotzen scheint, und etliche neue Dienste machen sich bereit, unsere Fernseher und Geldbörsen zu erobern. Die Telekom ist bereits auf dem Markt, andere kleinere sollen folgen, Pantaflix will gleich die ganze Welt beglücken, und auch Disney hockt in den Startlöchern.

Mal abgesehen davon, dass unsere monatlichen Ausgaben fürs Fernsehen explodierten, würden wir alle diese Dienste in Anspruch nehmen, wer soll all die neuen Inhalte denn anschauen? Als Zuschauer sind wir in der glücklichen Position, Rosinen herauspicken zu können, aber die Perlen muss man erstmal finden, und wenn man wie ich auf so viele unterschiedliche Formate neugierig ist, hat man irgendwie immer das Gefühl, etwas zu verpassen.

Diesen Herbst wurden zwei Serien bejubelt und zum Must-See hochstilisiert, von denen eine – Stranger Things – bereits ins zweite Jahr geht. Die andere stammt von Hollywood-Mastermind David Fincher, der auch vier der zehn Folgen in Szene gesetzt hat, und heißt Mindhunter. Wie in Zodiac, Finchers Film über die Jagd auf den gleichnamigen Serienkiller, geht es erneut um diesen Tätertypus, diesmal aber um jene FBI-Ermittler, die sich Ende der Siebzigerjahre als erste systematisch und wissenschaftlich fundiert mit der Psychologie der Mörder auseinandergesetzt und sie aufgrund ihrer Verhaltensweisen kategorisiert haben. Es geht, kurz gesagt, um die Erfindung des Profilings.

Holden Ford (Jonathan Groff) und sein Kollege Bill Tench (Holt McCallany) gründen gemeinsam die Abteilung für Verhaltenspsychologie beim FBI und machen sich daran, die gefährlichsten Mörder ihrer Zeit zu befragen, um herauszufinden, was in ihren Köpfen vorgeht. Unterstützt werden sie dabei von Professor Wendy Carr (Anna Torv), die sie an einer Universität rekrutieren und die ihre Studie leitet. Während sie immer profilierter werden, Verhörstrategien entwickeln, Profile erstellen und in fast jeder Folge einer Polizeibehörde dabei helfen, einen Mörder zu stellen, müssen sie intern eine Menge Kritik einstecken. Gerade Fords unorthodoxe Methoden stoßen dabei mehr und mehr auf Widerstand seitens seiner Vorgesetzten und rufen sogar die internen Ermittler auf den Plan.

Die zehn Folgen sind nicht mit einer herkömmlichen Krimi-Serie zu vergleichen, in der Woche für Woche ein neuer Fall gelöst wird. Manche Ermittlungen überlappen sich, ziehen sich über mehrere Episoden hin oder werden mitunter sehr schnell gelöst. Hinzu kommt das Privatleben der Protagonisten, das eine untergeordnete, aber nicht unwichtige Rolle spielt, sowie eine Rahmenhandlung, die ungewöhnlicherweise nicht zum Tragen kommt, obwohl sie in jeder Folge, wenn auch nur kurz, weitergesponnen wird. Hier haben die Macher wohl den ganz großen Bogen im Sinn.

Am spannendsten und intensivsten ist die Serie immer dann, wenn die bereits inhaftierten Serienmörder verhört werden. Besonders gelungen ist dabei der Auftritt von Ed Kemper, der großartig von Cameron Britton verkörpert wird und bei dem Hannibal Lector vermutlich ein wenig Pate stand. Diese Figur ist zwar nur am Anfang und am Ende der ersten Staffel präsent, beeinflusst die Arbeit der Agenten aber nachhaltig und auf vielfältige Weise und sorgt zudem für einen intensiven Showdown.

Viel Action wird allerdings nicht geboten, dafür eine Menge Psychologie und Zeitkolorit, auch das Tempo ist eher gemächlich, dennoch entwickelt die Serie sehr schnell einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Das liegt zum Teil sicherlich an der Inszenierung von Fincher, der für die ersten und die letzten beiden Folgen verantwortlich ist, aber auch an den durchweg guten schauspielerischen Leistungen und den cleveren Büchern.

Wer psychologische Rätsel, wendungsreiche Verhöre und spannende Charaktere mag und auch ein Faible für Serienmörder-Krimis hat, sollte sich Mindhunter auf Netflix nicht entgehen lassen.

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...