Madame

Französische Komödien sind eine Klasse für sich. Meistens elegant gefilmt, spielen sie in verschwenderisch ausgestatteten Wohnungen und Häusern und erzählen von den amourösen und gesellschaftlichen Verwicklungen der Oberschicht. Die Frauen tragen dabei die letzte Pariser Mode, die Männer sorgen bisweilen für ein paar Slapstick-Einlagen und den nötigen Charme. Im Grunde sind sie ein humorvoller Werbefilm für die französische savoir-vivre. Oder waren, denn ein bisschen sind diese Filme in den letzten Jahren aus der Mode gekommen, dafür hielt verstärkt der Alltag der Kleinbürger und sozialen Außenseiter Einzug in das Genre.

Mit Madame gibt es nun einen Film, der an die alte Tradition anknüpft und uns in das Leben der Reichen und Schönen von Paris entführt, auch wenn die Protagonisten vor allem Amerikaner und Briten sind. Es ist eine leicht frivole Geschichte über Untreue sowie eine Verwechslungskomödie, die uns auch ein bisschen was über das Verhältnis zwischen der Bourgeoisie und ihrem Personal erzählt. So verspricht es zumindest der Trailer.

Madame

Anne (Toni Colette) gibt eine Dinnerparty und muss feststellen, dass sie plötzlich einen dreizehnten Gast an ihrem Tisch hat – ihren Stiefsohn Steven (Tom Hughes). Weil sie abergläubisch ist, setzt sie kurzerhand ihre spanische Haushälterin Maria (Rossy de Palma) mit an den Tisch. Annes Mann Ben (Harvey Keitel) hat dagegen ganz andere Sorgen: Er braucht dringend Geld und muss daher ein wertvolles Gemälde verkaufen, außerdem will er mit seiner Französischlehrerin anbandeln, die ebenfalls eingeladen wurde. Steven, der an einem neuen Roman arbeitet, aber gerade unter einer Schreibblockade leidet, erlaubt sich einen Scherz und behauptet gegenüber Bens Kunsthändler David (Michael Smiley), dass die geheimnisvolle Maria eine spanische Adelige sei. Prompt verliebt sich David in sie …

Die erste halbe Stunde hält der Film tatsächlich, was er verspricht: Das reiche Ehepaar Anne und Ben ist herrlich verschroben und führt ein verschwenderisches Leben, das sich schnell als schöne Fassade entpuppt: Beide sind nicht mehr glücklich in ihrer Beziehung und denken über Seitensprünge nach. Ben macht seiner Lehrerin schöne Augen, vielleicht ist zwischen ihnen sogar schon mehr passiert, und Anne widersteht noch den Avancen eines alten Freundes, der als Franzose keinerlei Problem damit hat, sich eine Geliebte zu halten.

Dagegen wirkt die Haushälterin Maria sehr bodenständig und geradezu verklemmt, schließlich ist sie streng katholisch. Ihrer Herrschaft ist sie treu ergeben, denn Madame bezahlt die Studiengebühren von Marias Tochter, weshalb sie sich auch auf diesen Betrug einlässt und beim Dinner erscheint. Ihre Zuneigung zu David, die daraus entsteht, ist ernst, aufrichtig und anrührend, und Rossy de Palma spielt dieses Erblühen ganz wundervoll. Wie sie sich schüchtern umwerben lässt, dabei immer ein schlechtes Gewissen unterdrückt und schließlich ihrer Leidenschaft nachgibt, ist toll gespielt.

Leider geht dem Film nach der ersten, wunderbaren und komischen halben Stunde komplett die Luft aus. Regisseurin und Drehbuchautorin Amanda Sthers hat eine vielversprechende und komische Grundsituation geschaffen, sie hat interessante Figuren, die Geheimnisse bewahren und wichtige Entscheidungen treffen müssen, die mit (Lebens-)Lügen und Intrigen konfrontiert werden – und es gelingt ihr nicht, auch nur einen einzigen Handlungsstrang wirklich befriedigend zu Ende zu erzählen.

Fast alle Konflikte lösen sich schließlich ohne größere Komplikationen in Wohlgefallen auf oder kommen überhaupt nicht erst zum Tragen, weil die Geheimnisse nicht aufgedeckt werden, die Intrigen ins Leere laufen und es schlichtweg keine einzige Auseinandersetzung gibt, weder der Figuren untereinander noch mit sich selbst. Das ist ebenso enttäuschend wie das profane Ende der Liebesgeschichte.

Der Film ist wie das Leben von Anne und Ben: nur schöner Schein. Aber immerhin mit prachtvoller Ausstattung, eleganter Garderobe und guten Schauspielern – und einer wirklich gelungenen ersten halben Stunde.

Note: 4

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Pi Jays Corner und verschlagwortet mit , , , von Pi Jay. Permanenter Link zum Eintrag.

Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...