Blues Brothers

Die Filmauswahl bei Film, Food & Fun ist immer schwierig. Einerseits darf es kein zu bekannter Klassiker sein, weil ihn dann schon viele gesehen haben, andererseits darf die Wahl nicht zu ausgefallen sein, weil man sonst Gefahr läuft, auf Unverständnis oder sogar Hohn zu stoßen. Ich erinnere mich noch gut an den rabenschwarzen Tag, an dem wir Das Feld der Träume gesehen haben und die jüngere Generation kein gutes Haar an ihm gelassen hat. Schwarz-Weiß-Filme sind ebenfalls problematisch, und bestimmte Komödien auch (Is‘ was, Doc? wurde als zu albern bewertet, Leoparden küsst man nicht als viel zu schnell!).

Deshalb waren wir sehr gespannt, wie dieser Klassiker ankommen würde. Die Reaktionen waren durchaus wohlwollend …

Blues Brothers

Jake (John Belushi) kommt aus dem Gefängnis und plant, zusammen mit seinem Bruder Elwood (Dan Aykroyd) ihre alte Blues Band wieder aufleben zu lassen. Nach einer göttlichen Offenbarung ist das Ziel ihrer Mission glasklar: Sie müssen Geld für ihr ehemaliges Waisenhaus auftreiben, das aufgrund von Steuerschulden kurz vor der Schließung steht. So machen sie sich auf die Suche nach ihren in alle Winde zerstreuten Bandkollegen und legen sich dabei mit der Polizei, Nazis und einer rachsüchtigen Countryband an …

2010 wurde der Film von der vatikanischen Zeitung L’Osservatore Romano als „katholischer Klassiker“ bezeichnet, was angesichts der hemmungslosen Zerstörungswut und der deftigen Flüche im Film schon ein wenig verwundert. Aber – und das muss wohl ausschlaggebend gewesen sein – die beiden Helden waren ja „im Auftrag des Herrn“ unterwegs, und ein Film, in dem es darum geht, ein katholisches Waisenhaus mittles musikalischer Darbietungen zu retten, kann ja gar nicht so verwerflich sein, oder? Da fragt man sich, wie der Vatikan eigentlich zu Sister Act steht?

Seit seiner Veröffentlichung 1980 ist der Film ein Klassiker des Kinos, eine der teuersten Komödien aller Zeiten, berühmt für die Auftritte berühmter Sängerinnen und Sänger wie James Brown, John Lee Hooker, Ray Charles, Aretha Franklin oder Cab Calloway, aber auch für seine endlos lange Verfolgungsjagd, bei der vermutlich mehr Streifenwagen geschrottet wurden als in jedem Gangsterfilm. Sehenswert sind auch die vielen Cameos von bekannten Schauspielern und Regisseuren, darunter Carrie Fisher als rachsüchtige und schießwütige Ex-Freundin oder Steven Spielberg als städtischer Beamter. Würde man ein Trinkspiel veranstalten und bei jedem Auftritt einer cineastischen Größe einen heben, wäre man schon betrunken, bevor der Film zur Hälfte vorbei ist.

Als ich den Film zum ersten Mal sah, ich schätze, es war Ende der Achtziger, hat er mir nicht gefallen. Damals konnte ich nicht viel mit der Musik anfangen, die meisten Stars habe ich sowieso nicht erkannt, und die Story war mir zu einfallslos. Bei der zweiten Sichtung fand ich die Musik großartig, habe immerhin einige bekannte Gesichter ausgemacht – und war von der platten Geschichte immer noch kein bisschen beeindruckt. Im Grunde erzählen Regisseur John Landis und Dan Aykroyd in ihrem Buch eine Nummernrevue, eine episodische Aneinanderreihung mehr oder weniger gelungener Gags, wie sie, freilich nicht ganz so opulent in Szene gesetzt, auch in Saturday Night Live hätten aufgeführt werden können.

Das Hauptproblem sind dabei die beiden Hauptdarsteller, die wie weiland Buster Keaton völlig unbeeindruckt die größten Katastrophen überstehen, ohne sich über irgendetwas zu wundern oder auch nur einen noch so geringen Schaden davonzutragen. Ob sie mit ihrem Haus einstürzen und sich aus den Trümmern befreien müssen oder mit einer Telefonzelle in die Luft gesprengt werden, sie machen einfach weiter, als wäre nichts geschehen, sie wundern sich nicht einmal über das, was ihnen zustößt. Auf den Zuschauer wirken sie jedoch marionettenhaft und unglaubwürdig, eher wie die Figuren aus einem Comic-Strip, aber nicht wie leibhaftige Menschen. So lacht man über sie, nimmt sie aber nicht ernst und fühlt auch nicht mit ihnen.

Für heutige Sehgewohnheiten ist der Film viel zu lang, nicht nur in Gänze, sondern auch in seinen Sequenzen. Die langen Einstellungen, die gemütliche Vorbereitung von Gags sind aber ihrer Zeit geschuldet, und wenn man sich darauf einlässt, kommt man auch auf seine Kosten. Nicht alle Slapstickeinlagen funktionieren hingegen, die Synchronisation ist ebenfalls gewöhnungsbedürftig und in ihrer Schrulligkeit ein Kind des damaligen Geschmacks.

Spaß macht der Film vor allem in seinen Momenten kindlicher Zerstörungswut und hemmungsloser Übertreibung. Wenn nicht nur ein oder zwei Streifenwagen bei einer wilden Verfolgungsjagd zu Bruch gehen, sondern gleich ein Dutzend, wenn nicht nur eine Handvoll Polizisten Jagd auf die beiden Helden machen, sondern ganze Hundertschaften. So sind die einzelnen Teile besser als ihre Summe, was vielleicht nicht einen guten Film zur Folge hat, aber doch einen, an dessen besondere Momente man sich gerne erinnert.

Note: 3

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Pi Jays Corner und verschlagwortet mit von Pi Jay. Permanenter Link zum Eintrag.

Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...