Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Nein, heute geht es nicht um den Valentinstag oder ein romantisches Date-Movie, das ich empfehlen kann. Aber es soll ja auch Paare geben, die bevorzugt Horrorfilme anschauen, während andere vielleicht Hardcore-Arthaus bevorzugen. Jedem Tierchen sein Pläsierchen, wie schon der alte Fritz gesagt hat. Der Oscaranwärter Three Billboards Outside Ebbing, Missouri ist jedenfalls kein Feelgood-Movie, ganz im Gegenteil …

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Ein Jahr nach der Vergewaltigung und Ermordung ihrer Tochter mietet Mildred (Frances McDormand) drei Plakatwände vor dem Ortseingang, jener Stelle, an der man die verbrannten Überreste ihres Kindes gefunden hat. Mit knallroten Lettern erhebt sie Anklage gegen die örtliche Polizei und Sheriff Willoughby (Wood Harrelson), die ihrer Meinung nach zu wenig ermittelt haben. Willoughby kann den Schmerz der Frau zwar verstehen, hat aber leider mangels Spuren und Zeugenaussagen auch keinen neuen Ermittlungsansatz, zudem leidet er an Krebs im Endstadium. Mit ihrer Aktion bringt Mildred das fragile Gleichgewicht der Kleinstadt in den Südstaaten durcheinander und vor allem den rassistischen Polizisten Dixon (Sam Rockwell) gegen sich auf. Sehr schnell eskalieren die Ereignisse …

Je weniger man über die Handlung weiß, desto mehr kann man den Film genießen. Wobei genießen vielleicht das falsche Wort ist und man besser wertschätzen sagen sollte, denn mit Genuss hat das, was in den knapp zwei Stunden auf der Leinwand passiert, wenig zu tun. Immerhin muss man dem Film von Martin McDonagh, der das Buch geschrieben und inszeniert hat, zugutehalten, dass er auf eine scharfzüngige und bisweilen zynische Art und Weise ungeheuer komisch ist. Das ist überraschend, aber nichts an der Geschichte, die immer wieder neue Wendungen einschlägt und sich bisweilen in ihren Nebenhandlungen verliert, ist wirklich erwartbar.

Sehr schnell wird klar, dass es sich hierbei nicht um ein Crime-Drama handelt, bei dem es um ein Verbrechen und seine Auflösung geht. McDonagh bietet keine wohlige Tatort-Unterhaltung, an deren Ende die Welt wieder in Ordnung ist und der Täter hinter Gittern sitzt. Er löst auf beunruhigende Art und Weise sämtliche moralische Grenzen auf, lässt niemanden unschuldig aussehen, aber dafür verdammt menschlich.

Die Schauspieler agieren bis in die kleinste Nebenrolle hinein exzellent, sowohl in ihrer Einzelleistung als auch als Ensemble. Frances McDormand ist so wütend und aggressiv, dass sie in nahezu jeder ihrer Szenen zu explodieren scheint – nur um bisweilen eine Verletzlichkeit und grenzenloses Mitgefühl an den Tag zu legen, die dieser wandelnden Zeitbombe ein zutiefst menschliches Gesicht verleihen. Auch Woody Harrelson hat man schon lange nicht mehr so gut gesehen, und wie er seine Trauer, Wut und Angst unter einer Maske optimistischer Fröhlichkeit zu verbergen sucht, ist großartig gespielt. Am beeindruckendsten ist jedoch Sam Rockwell, der sich als tumber Polizist widerwillig in die Herzen der Kinogänger schmuggelt – eine Figur, die man hassen möchte und doch verstehen kann und die am Ende eine erstaunliche Wandlung durchläuft.

Man hat schon lange nicht mehr so viele spannende und vielschichtige Figuren in einem Film gesehen, und ihr verzweifeltes Ringen um Gerechtigkeit, Anstand und Würde, während sie sich gleichzeitig mit Hass, Missgunst und schockierender Brutalität herumschlagen müssen (und diese verursachen), ist ganz großes Kino. Es ist ein Film über provokante Aktionen, die verstören und aufwühlen, die nicht nur den Finger in Wunde legen, sondern geradezu darin herumbohren, es ist ein Film über den Schmerz, den man im Leben aushalten muss, und darüber, was passiert, wenn wir anderen ebenfalls Schmerz zufügen, um unser eigenes Leid ein wenig erträglicher zu machen.

Das einzige, was man dem Film vorwerfen kann, ist, dass er ein bisschen zu viel will. Er streift zahlreiche Themen wie Rassismus, Polizeiwillkür oder häusliche Gewalt, ohne sich auf eines festzulegen, und breitet so viele unterschiedliche Lebenswege aus, dass es unmöglich ist, alle adäquat darzustellen. Und am Schluss, wenn man für kurze Zeit glaubt, dass die Geschichte doch noch zu einem halbwegs befriedigenden Ende findet, schlägt er eine neue Volte und ein neues, überraschendes Kapitel auf – um dann abzubrechen und uns allein zu lassen. Vielleicht ein konsequentes Ende, aber auch ein merkwürdiges.

Unbedingt ansehen!

Note: 2+

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...