Coco

Es ist wirklich schade, dass am Nachmittag kaum noch Filme für Erwachsene laufen. Nachdem ich durch die Grippe einige Zeit außer Gefecht gesetzt war und nach wie vor ziemlich erschöpft bin, stehen immer noch einige Filme auf meiner Liste, die ich mir anschauen will. Nachmittags laufen sie leider nicht, und am Abend fehlt mir häufig die Zeit – oder die Energie. Bis ich meine Arbeit erledigt und dann noch gekocht habe, ist es entweder zu spät, um noch ins Kino zu gehen, oder ich bin zu satt und zu müde. Ein echtes Dilemma. Vielleicht sollte ich es mal mit Fasten versuchen oder mit Popcorn statt Abendbrot?

Zum Glück stand wenigstens noch ein Kinderfilm auf meiner Watch-Liste, der auch noch viele Wochen nach Start in der einen oder anderen Nachmittagsvorstellung lief.

Coco

Nachdem sein Ur-ur-Großvater seine Familie im Stich gelassen hat, um Karriere als Musiker zu machen, steht die Musik im Hause Riviera nicht mehr hoch in Kurs. Auch der junge Miguel soll in die Fußstapfen seiner Eltern und Großeltern treten und Schuhmacher werden, doch insgeheim träumt er davon, als Sänger und Gitarrist aufzutreten – wie der von ihm bewunderte Ernesto de la Cruz. Zufällig findet Miguel heraus, dass Ernesto sein Ur-ur-Großvater war, und als er am Tag der Toten dessen Gitarre aus seinem Mausoleum stiehlt, um damit an einem Musik-Wettbewerb teilzunehmen, passiert etwas Unglaubliches: Er wird ins Reich der Toten versetzt und hat nur wenige Stunden Zeit, um den Segen seiner verstorbenen Familienmitglieder zu erhalten und in die Welt der Lebenden zurückzukehren …

Auch bei uns gibt es die Tradition, im November den Verstorbenen zu gedenken, doch in Mexiko wird dieser Feiertag gänzlich anders begangen, mit bunten Totenschädeln aus Zucker, kleinen Partys an den Gräbern und viel Musik und gutem Essen. Als Mitteleuropäer können wir damit vielleicht nicht so viel anfangen, empfinden den vermeintlich lockeren Umgang mit dem Tod sogar als makaber, aber genau dafür sind solche Filme auch da: um uns die Traditionen fremder Länder nahezubringen.

Die Geschichte selbst ist universell. Niemand kann sich ein Leben ohne jegliche Musik vorstellen, und weil Verbote besonders reizvoll sind, schlagen unsere Herzen sofort für Miguel höher, dem so übel von seiner Familie mitgespielt wird. Aber – auch das ist eine Botschaft, die man von Hollywoodfilmen zur Genüge kennt – die Familie ist immer das Wichtigste, was auch Miguel im Verlauf des Films lernen muss, der zunächst wie alle Kinder nach einem raffinierten Ausweg aus seinem Dilemma sucht: Wenn schon die strenge Ur-ur-Oma nicht bereit ist, ihm ihren Segen und die Erlaubnis, Musik zu machen, mit auf den Weg zurück ins Leben gibt, dann muss es eben der geheimnisvolle Vorfahr sein, der selbst alles für die Musik geopfert hat.

Wie üblich, bekommt Miguel auf seiner Reise die üblichen Gefährten an die Hand, diesmal einen hässlichen, aber treuen Hund und ein Skelett namens Héctor, der von dem endgültigen Tod durch das Vergessen bedroht ist und nur einen Wunsch hat: Miguel soll sein Foto auf den Hausaltar stellen und seiner gedenken, so dass auch er noch einmal in die Welt der Lebenden zurückkehren darf. Auch wenn Héctor der übliche Sidekick ist, ein etwas schräger Vogel, der für den nötigen Humor sorgt, bekommt die Geschichte durch ihn eine besondere Tiefe, die über das hinausgeht, was man sonst aus dem Hause Disney präsentiert bekommt.

Die Geschichte hat zudem noch die eine oder andere kleine Überraschung parat, mit der man auf den ersten Blick nicht gerechnet hat, und schlägt dadurch ernste, bisweilen sogar düstere Töne an. Das passt hervorragend zum Thema des Films und dem Setting, ist aber erstaunlich erwachsen für einen Kinderfilm. Die Kleinen kommen vor allem durch die bunten Farben und die fantasievolle Ausgestaltung des Jenseits auf ihre Kosten, doch in erster Linie scheint es ein Film für das erwachsene Publikum zu sein, das sich auf diese eher spielerische Art und Weise mit der eigenen Vergänglichkeit auseinandersetzt.

Ein ungewöhnliches Thema, aber wie immer toll umgesetzt. Nach Oben ein weiteres Meisterwerk aus dem Hause Pixar.

Note: 2

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...