Meine Oscar-Nachlese

Diese Filmleute sind doch alle irgendwie verrückt. Ich will mich da gar nicht ausnehmen und kann als Beweis die Oscarverleihung anführen, die ich mir in Gänze angesehen habe, obwohl ich todmüde war. Aber man muss ja auf dem Laufenden sein, und die Neugier siegt am Ende meistens leider doch über die Vernunft.

Dabei hat es sich dieses Mal nicht einmal wirklich gelohnt. Den subversiven Witz vergangener Jahre musste man heuer mit der Lupe suchen, Jimmy Kimmel wirkte bisweilen sogar etwas angestrengt, war aber häufiger präsent als manch anderer Moderator vor ihm. Ein wenig hatte man das Gefühl, das die MeToo- und Enough is Enough-Debatten der letzten Monate dazu geführt hätten, dass alle sich dreimal überlegt haben, was sie sagen und im Zweifelsfall lieber etwas Belangloses von sich geben. Ein Eiertanz um die Fettnäpfchen politischer Korrektheit.

Dass man dennoch enorm witzig sein kann, bewiesen immerhin Tiffany Haddish und Maya Rudolph, deren Auftritt so lustig war, dass darüber die von ihnen überreichten Oscars völlig nebensächlich wurden. Vielleicht ist die Zeit des weißen Mannes in Hollywood erst einmal passé – was gar nicht mal so schlecht ist, wenn der Ersatz so frisch und amüsant daherkommt.

Vergangenes Jahr ließ man einige Normalbürger, die gerade eine geführte Tour durch Hollywood unternahmen, in den Saal und ergötzte sich an den Reaktionen. Diesmal schickte Kimmel ganz „spontan“ einige Stars in ein vollbesetztes Kino, um Süßigkeiten zu verteilen, was seltsam hüftlahm wirkte und symptomatisch für die gesamte Veranstaltung war. Früher, hätte Loriot gesagt, war einfach mehr Lametta.

Dabei haben sich die Veranstalter große Mühe gegeben, den 90. Geburtstag des Oscars gebührend zu feiern. Gold und Glitzer, wohin man auch blickte, nur passte das Ambiente nicht so ganz zur Katerstimmung in Hollywood, das gerade einen Umbruch erlebt, der dringend nötig ist. Die Ära der übergriffigen Film-Mogule gehört hoffentlich endlich der Vergangenheit an, aber wie soll man diese Historie feiern, wenn man sich gerade ordentlich für sie schämt? So wurde ausgerechnet die Jubiläumsfeier zu einem Spagat zwischen verhasster Tradition und Aufbruch in eine schöne neue Welt, der sich allerdings recht wackelig anlässt.

Man hatte den Eindruck, dass sich diese latente Unsicherheit auch in der Vergabe der Preise niederschlug. Lieber auf Nummer Sicher gehen, schien die Devise zu lauten, weshalb man so viele verschiedene Filme auszeichnete wie schon lange nicht mehr. Wenn ich mir meine Prognose ansehe, habe ich insgesamt ganz gut abgeschnitten – ein Beweis dafür, dass es kaum Überraschungen gab und viele Favoriten auch tatsächlich den Goldjungen mit nach Hause nehmen durften. Nur in vier von den getippten sechzehn Kategorien lag ich falsch, darunter immerhin beim besten Film, aber da standen die Chancen Fifty-Fifty.

Erstaunt war ich eigentlich nur darüber, dass Lady Bird so gänzlich leer ausgegangen ist. Ein Oscar für die beste Regie an Greta Gerwig wäre tatsächlich ein starkes Zeichen gewesen, um die Frauen in Hollywood zu ermutigen, aber so mutig war die Academy dann doch nicht. Wenigstens der Preis für das beste Drehbuch wäre fair gewesen, doch da musste man wohl das afroamerikanische Publikum zufrieden stellen, dass sich sonst vielleicht wieder darüber beschwert hätte, dass sämtliche Schauspiel-Preisträger weiß sind.

Ist das zu zynisch? Vielleicht. Für mich ist der Oscar für Get Out als bestes Original-Drehbuch jedenfalls die krasseste Fehlentscheidung des Abends. Es gibt vieles, was preiswürdig an dem Film wäre, das Drehbuch hätte meiner Meinung nach jedoch höchstens eine Goldene Himbeere verdient. Aber man kann es nicht jedem recht machen, und Greta Gerwig ist bestimmt in einem der nächsten Jahre dran. Insofern hat es mich auch riesig gefreut, dass James Ivory endlich den wohlverdienten Oscar bekommen hat – lange genug gedauert hat es ja.

Das Beste an der Veranstaltung ist jedoch, dass wir jetzt bis zum Herbst und dem Beginn der neuen Award-Season Ruhe haben und uns auf das konzentrieren können, was uns am meisten am Herzen liegt: die Filme.

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...