Game Night

Wer kann sich noch an das Leben in den Neunzigern erinnern? Es gab kein Internet, keine Streamingdienste, und selbst die Handys waren nur in der Lage zu telefonieren und SMS zu verschicken. Am Wochenende durfte ich diesen Zustand erneut erleben, denn am Freitagabend fiel plötzlich das Internet aus, just in dem Moment, in dem ich mit Mark G. und Meister Mim die neue Staffel Jessica Jones anschauen wollte. Angeblich sollte der Schaden bis Montagmorgen behoben sein, aber dann dauerte es doch etwas länger …

Das Erstaunliche war, dass ich das Internet kaum vermisst habe. Sicher, man fühlt sich ein bisschen wie abgeschnitten von der Welt, aber auf der anderen Seite habe ich in den zwei Tagen mehr geschafft als sonst in einer Woche. Leider musste deswegen auch mein Montagsbeitrag ausfallen, ich hätte vermutlich auch am Handy arbeiten können, aber das war mir dann doch zu mühselig.

Dafür war ich noch im Kino, um den ganzen Ärger zu vergessen und mal wieder herzhaft zu lachen.

Game Night

Max (Jason Bateman) und seine Frau Annie (Rachel McAdams) sind leidenschaftliche Spieler, nicht die Sorte, die ihr Vermögen in Las Vegas verzockt, sondern die harmlose Variante, die viel Spaß an Brettspielen hat. Jeden Mittwoch treffen sie sich mit ihren Freunden, um einen gemütlichen Abend zu verbringen. Nicht mehr mit dabei ist ihr Nachbar Gary (Jesse Plemons), ein etwas zu neugieriger Polizist, der sich ausgeschlossen fühlt und unbedingt wieder zur Gruppe gehören will. Als Max’ Bruder Brooks (Kyle Chandler) in die Stadt zurückkehrt, entbrennt erneut die Rivalität zwischen den Männern, die seit ihrer Kindheit andauert und Max so sehr stresst, dass es sich sogar auf seine Zeugungsfähigkeit und seine Ehe auswirkt. Brooks reißt bald den Spieleabend an sich und schlägt eine Art Schnitzeljagd vor, bei der entführt wird und von den anderen gefunden werden muss. Dumm nur, dass auch echte Kidnapper hinter ihm her sind …

Die Grundidee kombiniert zwei Prämissen: Was ist, wenn normale Durchschnittsbürger es plötzlich mit gefährlichen Kriminellen zu tun bekommen? Und was, wenn sie keine Ahnung davon haben, weil etwas, das nur ein Spiel sein sollte, auf einmal ernst wird? Aus dieser Kombination lässt sich eine Menge machen, und Drehbuchautor Mark Perez holt sehr viel aus dieser nicht wirklich originellen Idee heraus. Ein bisschen erinnert die Geschichte an The Game, nur diesmal in der Komödienvariante, und auch an Date Night.

Die beiden Hauptfiguren sind so durchschnittlich und bodenständig, dass sich jeder Kinogänger mit ihnen identifizieren kann und unentwegt fragt: Wie hätte ich mich wohl in dieser Situation verhalten? Auch ihre Freunde bekommen einige Konturen und eine kleine Nebenhandlung, was den Vorteil hat, dass die Haupthandlung nicht das gesamte Gewicht des Films tragen muss. Denn die Story ist an sich schon reichlich unglaubwürdig, und wenn es am Ende noch einen überraschenden Twist gibt, macht sie eine Volte zu viel. Bis dahin ist aber so viel Witziges passiert, dass man dieses Ärgernis sofort wieder vergisst. Sehenswert ist auch Jesse Plemons als gruseliger Polizist, den man gleichzeitig bemitleidet und fürchtet.

Die beiden Regisseure John Francis Daley und Jonathan Goldstein machen ihre Sache an sich gut, lassen für eine Komödie jedoch ein bisschen zu sehr das Tempo schleifen. Manche Gags sieht man schon von weitem kommen, andere werden zu sehr in die Länge gezogen. Man merkt, dass dies ihr Langfilm-Debüt ist, und die Königsdisziplin der Komödie ein sicheres Händchen verlangt. Vielleicht beim nächsten Mal.

Immerhin muss man den Machern aber zugutehalten, dass Game Night keine diese debilen Fremdschäm-Komödien ist, die seit einigen Jahren in Hollywood populär sind.

Mit ein paar kleineren Abstriche ist es eine rundherum gelungene, witzige Komödie geworden, von der es gerne auch eine Fortsetzung geben darf. Die letzte Szene suggeriert dies sogar …

Note: 2-

 

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Pi Jays Corner und verschlagwortet mit , , von Pi Jay. Permanenter Link zum Eintrag.

Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...