Avengers: Infinity War

Es kommt relativ selten vor, dass ich mir einen Film im Kino zweimal anschaue. Avengers: Infinity War habe ich bereits am Startwochenende in den USA gesehen, allerdings in der ersten Reihe, was mir immer ein bisschen zu nah an der Leinwand ist. Man hat dann weniger das Gefühl, in das Bild einzutauchen als vielmehr von ihm erschlagen zu werden.

Aus diesem Grund und weil mir in den saloppen, slanggesättigten Dialogen der eine oder andere Halbsatz entgangen sein könnte, bin ich vergangene Woche noch einmal reingegangen. Außerdem mochte ich das Ende des Films nicht, habe mich sogar regelrecht darüber geärgert – aus dramaturgischen Gründen. Bei einer zweiten Sichtung fällt es einem leichter, objektiv zu sein.

Obwohl ich versuche, nicht zu spoilern, ist es diesmal unvermeidlich, das eine oder andere Detail zu verraten. Wer den Film noch nicht gesehen hat, liest hier also auf eigene Gefahr.

Avengers: Infinity War

Thor (Chris Hemsworth) und sein Bruder Loki (Tom Hiddelston) durchqueren mit den letzten Überlebenden von Asgard das Universum, als ihr Schiff von Thanos (Josh Brolin) und seinen Helfershelfern geentert wird. Thanos hat es auf den Infinity-Stein abgesehen, den Loki aus Asgard gerettet hat. Sechs dieser Steine gibt es, die zusammen die größte Macht im Universum darstellen. Ihr Besitzer kann Zeit und Realität beeinflussen und mit einem Fingerschnippen Milliarden Leben auslöschen. Genau das hat Thanos vor, um die Ressourcen des Alls zu schonen und den Überlebenden ein gedeihlicheres Auskommen zu ermöglichen. Zwei weitere Steine befinden sich auf der Erde, einer im Besitz von Dr. Strange (Benedict Cumberbitch), der andere gehört Vision (Paul Bettany). Während Toni Stark (Robert Downey Jr.) und Spider-Man (Tom Holland) Dr. Strange zu Hilfe eilen, der von Thanos’ Schergen entführt wurde, unterstützen Captain America (Chris Evans), Hulk (Mark Ruffalo) und Black Widow (Scarlett Johannson) Vision. Gleichzeitig kämpfen auch die Guardians of the Galaxy gegen Thanos und seine Bande …

Zweieinhalb Stunden dauert der Film – und ist doch nur die erste Hälfte des neuesten Abenteuers der Avengers, in dem nahezu alle Marvel-Helden der letzten Jahre ihren Auftritt haben. Immerhin eine beachtliche Zahl von über zwanzig Figuren, die beschäftigt werden wollen. Damit das funktioniert, haben sich die Macher entschieden, eine sehr einfache Story zu erzählen.

Haltet ihn auf, bevor er allmächtig wird, lautet das Credo der Geschichte, und um mehr geht es in den zweieinhalb Stunden auch nicht. An verschiedenen Orten versuchen die Helden zu verhindern, dass Thanos alle Infinity-Steine in seine Pranken bekommt. Für einen monumentalen Film wie diesen ist das als Handlung schon etwas dünn, aber dafür muss man als Zuschauer seinen Grips nicht groß anstrengen, sondern kann sich gemütlich zurücklehnen und die Show genießen.

Durch effiziente Teambildung gelingt es den Autoren, all die Helden zusammenzuführen, von denen sich viele noch gar nicht persönlich kennen, und die Geschichte an mehreren Schauplätzen voranzutreiben. Das ist geschickt gemacht und sorgt für regelmäßige Spannung, so dass der Film wie im Flug vergeht.

Obwohl ich alle Marvel-Filme gesehen habe, fiel es mir mitunter schwer, all diese Charaktere auseinanderzuhalten und mich an ihre Schwächen, Befindlichkeiten oder jüngsten Erlebnisse zu erinnern. Zeit für Erklärungen oder private Probleme bleibt leider nicht, denn die Helden müssen unentwegt auf die Angriffe von Thanos’ Lakaien reagieren. Immerhin reicht es noch für Frotzeleien und bisweilen albernes Alphamännchen-Getue zwischen den kostümierten Helden, denn auch wenn sie dasselbe Ziel verfolgen, heißt das nicht, dass sich alle auch gut leiden können.

Aber diese humorvollen Szenen sind wohltuend und lockern die ernste Geschichte über Genozid und Weltuntergang etwas auf. Es wäre nur schön gewesen, wenn es eben nicht nur um die Rivalitäten zwischen den männlichen Helden und ihre gigantischen Egos gegangen wäre. So erschienen manche von ihnen auf einmal unsympathischer als man sie in Erinnerung hatte. Und wo bleiben die Frauen? Black Widow und Nebula sind zu besseren Statisten verkümmert, Scarlet Witch (Elizabeth Olsen) bleibt nur die Rolle der tragischen Liebenden, weshalb es weitgehend Gamora (Zoe Saldana) Aufgabe ist, das weibliche Zielpublikum bei Laune zu halten. Das ist ein bisschen wenig Frauenpower.

Eine Geschichte dieser Art, in der es um tapfere Helden und einen Widersacher geht, gegen den sie kämpfen müssen, steht und fällt mit dem Schurken. Thanos ist an und für sich kein schlechter Bösewicht, denn er bekommt eine persönliche Geschichte, die bereits in den Abenteuern der Guardians etabliert wurde. Außerdem will er nicht einfach nur die Herrschaft über das Universum an sich reißen, sondern das intelligente Leben im All retten – und zwar vor sich selbst. Was auf der Erde jedoch einigermaßen nachvollziehbar ist, funktioniert auf den Kosmos übertragen jedoch weniger überzeugend.

Im Gegenteil, Thanos’ Motive wirken aufgesetzt und sollen ihn emotional zugänglicher machen, führen aber nur dazu, dass er am Ende doch wieder wie ein Operetten-Schurke dasteht, dem es nur um die absolute Macht geht. Wenn beispielsweise in einer Rückblende Gamoras Heimatwelt zerstört wird und er später behauptet, die Einwohner hätten in Not und Elend gelebt, passt das Gezeigte schlichtweg nicht zu seinen Behauptungen. So erscheint er als Lügner, der seine Untaten schönfärbt. Und mit all der Macht, die ihm die Steine verleiht, wäre es doch ein Leichtes für ihn, das Universum zu einem gerechteren Ort zu machen und die angeblich so knappen Ressourcen fairer zu verteilen.

Mir wäre ein ehrlicher Bösewicht, den es einfach nur nach Macht gelüstet, wesentlich lieber gewesen als dieser ungeschlachte Riese, der nur deshalb grausam ist, weil es einem vermeintlich höheren Zweck dient, seine Taten aber insgeheim verabscheut. Das glaube ich einerseits nicht, andererseits ist sein Verhalten auf Dauer ziemlich nervtötend, weil die Autoren diese Widersprüche nicht dazu benutzen, der Figur Tiefe zu verleihen. Schade, so wurde eine Chance vertan, aber immerhin füllt Thanos seine Rolle ganz gut aus.

Auch wenn die Handlung etwas dünn ist, wird einem als Zuschauer doch eine Menge geboten. Gleich zu Beginn wird in einem epischen Kampf halb New York zerstört, und das finale Gemetzel in Wakanda steht den Schlachten in Mittelerde in nichts nach. Die Superhelden schlagen sich super, und es gibt sogar Elfen und so was ähnliches wie Orks. Fantasy-Herz, was willst du mehr?

Hier und da haben die zahlreichen Autoren allerdings ein wenig geschludert: Woher weiß Thanos immer so genau, welcher Held und welcher Stein sich gerade wo befinden? Oder wenn Scarlet Witch gegen Ende ein ganzes Bataillon von Dunkelelfen auslöscht, am Anfang des Films aber nicht einmal gegen zwei von ihnen ankommt, fragt man sich auch, wie das zusammenpassen soll. Und Dr. Strange und seine mehr als 14 Millionen möglichen Szenarien, Thanos zu besiegen, in allen Ehren, aber warum kommt keiner der Kombattanten auf die Idee, ihm den Arm abzuschlagen, anstatt zu versuchen, seinen Handschuh auszuziehen. Von den Möglichkeiten, die sich Dr. Strange, dem Herrn über die Zeit, darüber hinaus geboten hätten, will ich gar nicht erst anfangen. Da wurde vieles so hingebogen, wie man es gerade gebraucht hat, und die Helden weit unter ihrem Wert verkauft.

Aus dramaturgischer Sicht gibt es aber ein viel größeres Problem: Bei einem Zweiteiler wie diesem ist die große Schlacht Gut gegen Böse am Ende des ersten Teils richtig platziert. Es passt auch, dass die Guten verlieren, sogar einige Verluste sind hinnehmbar, solange man als Zuschauer das Gefühl, dass sie letzten Endes gestärkt aus dieser Konfrontation hervorgehen und es noch Hoffnung gibt.

Genau das ist aber nicht gegeben. Es gibt keine Hoffnung mehr, Thanos hat gewonnen, die Hälfte des Lebens im Universum wurde ausgelöscht, und er ist dank der Steine buchstäblich allmächtig. Es gibt, so haben es uns die Autoren erklärt, schlichtweg keine Macht im gesamten Universum, die größer wäre. Wie sollen die verbliebenen wenigen Avengers also einen Gegner besiegen, der stärker ist als sie alle zusammen? Das ist die entscheidende Frage, die im zweiten Teil beantwortet werden wird. Ich fürchte nur, dass die Lösung extrem unbefriedigend ausfallen wird – und, ehrlich gesagt, interessiert sie mich auch nicht. Wenn eine Figur so stark ist, dass keine andere mit ihr konkurrieren kann, gibt es keine Überraschungen mehr. Deshalb ist Superman für mich auch eine der langweiligsten Figuren der Filmgeschichte.

Avengers: Infinity War erzählt eine spannende, mitreißende und effektgeladene Geschichte – mit einem traurigen Ende. Warum sollte man es nicht dabei belassen? Das Leben ist brutal, und manchmal siegen eben die Bösen – das wäre eine zeitgemäße Botschaft, die Hollywood jedoch noch nie akzeptiert hat. Und solange sie noch ein bisschen Geld aus den Figuren herausquetschen können, darf man davon ausgehen, dass sie (fast) alle auf wundersame Weise wiederauferstehen werden. Das ist schließlich nicht Game of Thrones.

Die obligatorische Szene nach dem Abspann liefert einen Hinweis darauf, wer jetzt noch helfen könnte: Captain Marvel, in der jüngsten, geplanten Inkarnation immerhin eine Frau. Sie wäre dennoch ein schwacher Deus, pardon: Dea ex Machina. Eine Alternative (von einem Waldorfschüler geschrieben) wäre ein von Gewissensbissen gemarterter Thanos, der einfach die Zeit zurückdreht, alle wieder zum Leben erweckt, die Steine zurückgibt und sich entschuldigt, bevor er Teil der Avengers wird. Oder Loki hat sich erneut tot gestellt und mopst Thanos den Handschuh mit den Steinen, während dieser auf seiner Veranda sitzt und die Sonne über dem halbleeren Universum aufgehen sieht.

Aber vielleicht gibt es ja noch eine andere Lösung, die viel intelligenter und spannender und vor allem logischer ist und es den Helden ermöglicht, aus eigener Kraft das Ruder herumzureißen. Ich glaube zwar nicht daran, aber in einem Jahr werden wir es wissen.

Note: 3+

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Pi Jays Corner und verschlagwortet mit von Pi Jay. Permanenter Link zum Eintrag.

Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...