Tanz ins Leben

Ich liebe britische Filme. Die besten vereinen zutiefst menschliche Geschichten, beißende Sozialkritik, schräge Charaktere und trockenen, typisch britischen Humor zu einer mitreißenden Melange. Ganz oder gar nicht, Billie Elliot, Lügen und Geheimnisse oder Pride sind einige der besten Beispiele dafür. Leider sind die meisten dieser Filme schon etwas älter, und es scheint, als würden sie kaum noch und wenn, dann in schwächerer Qualität produziert. Aber man sollte die Hoffnung, ein neues Meisterwerk zu entdecken, niemals aufgeben, weshalb ich sehr neugierig war auf:

Tanz ins Leben

Ausgerechnet an dem Tag, an dem Sandra (Imelda Staunton) die Erhebung ihres Mannes (John Sessions) in den Adelsstand und damit ihren größten gesellschaftlichen Erfolg feiert, entdeckt sie, dass er sie seit Jahren mit einer ihrer Freundinnen betrügt. Sie macht ihm eine Szene und flüchtet dann zu ihrer entfremdeten Schwester Bif (Celia Imrie). Diese lebt in bescheidenen Verhältnissen und hat sich ihren rebellischen, gesellschaftskritischen Geist bewahrt, den Sandra zugunsten ihres sozialen Aufstiegs aufgegeben hat. Sandra hat anfangs große Probleme, sich in diesem neuen Leben zurechtzufinden und Bifs Freunde Charlie (Timothy Spall) und Ted (David Hayman) zu akzeptieren, aber ein gemeinsamer Tanzunterricht bringt sie einander schließlich näher…

Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall, und so sieht man den Abwurf Sandras von ihrem hohen Ross mit großem Vergnügen. Zumal ihr Gatte sie nicht mit einer jüngeren, attraktiveren Frau betrügt, sondern mit einer, die genauso alt und weitaus weniger hübsch als sie selbst ist. Diese Demütigung muss Sandra erst einmal verkraften, und da sie zunächst auch nicht aus ihrer Haut kann, behält sie für eine Weile ihren Snobismus bei und behandelt vor allem den treuherzigen Charlie von oben herab.

Natürlich weiß man bereits nach spätestens fünf Minuten, wie die Geschichte enden wird. Aber die Vorhersehbarkeit ist nicht das einzige Problem, das das insgesamt sehr einfallslose Drehbuch von Meg Leonard und Nick Moorcroft hat. Die Geschichte will einfach zu viel: Neben Sandra und ihrer Selbstfindung, der Rückbesinnung auf ihre einstigen Wünsche und Sehnsüchte, geht es auch um ihre unangepasste Schwester, um Charlies Sorgen wegen seiner an Alzheimer erkrankten Frau, um Teds Probleme, die zwar angerissen, aber nie wirklich erläutert werden, und nicht zuletzt um den Tanzunterricht für Senioren, den Sandra mit Bif besucht. An und für sich eine schöne Metapher, um Sandras Entwicklung, ihren Ausbruch aus alten Gewohnheiten und dem üblichen Trott zu bebildern, blasen die Autoren diese nette Idee aus heiterem Himmel zu einer Art cheerie movie auf. Dass die Rentner öffentlich tanzen, um Geld für einen wohltätigen Zweck zu sammeln, mag ja noch angehen, aber dass sie dann zu einer Tanz-Biennale nach Rom eingeladen werden, erweckt eher den Anschein, als wollten die Produzenten sich ihren Italienurlaub finanzieren lassen.

Vielleicht liegt es einfach daran, dass keine Zeit bleibt, um diesen Aspekt der Story adäquat umzusetzen, denn man sieht die Gruppe am Anfang mehr schlecht als recht durch eine mäßige Choreografie stolpern, um kurz darauf das internationale Publikum von den Stühlen zu reißen. Gegen eine so märchenhafte Entwicklung ist an und für sich nichts einzuwenden, wenn sie nur entsprechend vorbereitet und umgesetzt wird.

Außerdem ist die mitunter etwas holperige Regie von Richard Loncraine mit Schuld daran, dass der Film etwas unentschieden wirkt. Sandras Entwicklung wird noch einigermaßen stringent erzählt, doch zwischendurch springt die Geschichte von einer Figur zur anderen, ohne ihnen und ihren Problemen wirklich gerecht zu werden, wodurch eine Menge Empathie, die man vielleicht empfunden hätte, verloren geht. Das ist besonders schade, weil das Ensemble außerordentlich guter Darsteller sein Bestes gibt, um dem mittmäßigen Buch Leben einzuhauchen. Etwas mehr Humor, der zu Beginn noch vorhanden ist, sich dann aber in Wohlgefallen auflöst, hätte sicherlich auch nicht geschadet.

Kein großer Wurf, sondern nur Mittelmaß, aber hervorragend besetzt und gespielt. Für die Fans von britischen Filmen mit Herz.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...