Der seidene Faden

Ging es gestern ums Popcornkino, beschäftige ich mich heute mit einem Beitrag des Arthouse-Segments. Der seidene Faden war für mehrere Oscars nominiert und hat einen für das beste Kostümdesign bekommen, hat aber vor allem deshalb für Schlagzeilen gesorgt, weil Daniel Day-Lewis verkündet hat, dass dies sein letzter Film wäre.

Mit Anfang sechzig kann man natürlich schon mal über seinen Ruhestand nachdenken, aber sich auch tatsächlich zur Ruhe zu setzen, steht auf einem anderen Blatt. Andererseits war Daniel Day-Lewis schon immer sehr wählerisch bei seinen Projekten und hat oft viele Jahre zwischen seinen Auftritten verstreichen lassen. Man kann daher nur hoffen, dass er eines Tages ein so gutes Skript angeboten bekommt, dass er von seinem Ruhestand zurücktritt, denn sein nuanciertes Spiel würde uns allen fehlen …

Der seidene Faden

Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) ist ein gefeierter Modeschöpfer im London der 1950er Jahre. Von Zeit zu Zeit holt er sich eine Geliebte ins Haus, die er zu seiner Muse macht, derer er aber zumeist schnell wieder überdrüssig wird. Das Leben mit dem pedantischen, egozentrischen Künstler, der niemals auf die Idee käme, auf die Bedürfnisse anderer Rücksicht zu nehmen, ist schwierig, weshalb es auch nur seine Schwester Cyril (Leslie Manville) auf Dauer mit ihm aushält. Das ändert sich jedoch, als Reynolds Alma (Vicky Krieps) kennenlernt und sie ins Haus holt. Alma hat nicht nur die perfekte Figur, weshalb sie schnell zu seinem Starmannequin avanciert, sondern umsorgt den empfindlichen Künstler auch umsichtig und erträgt all seine Launen, obwohl sie es von Zeit zu Zeit wagt, ihre eigene Meinung zu haben. Alma liebt Reynolds, doch weil er ihre Gefühle nicht zu erwidern scheint, greift sie zu drastischen Mitteln …

Kein Anderson macht gute Filme, lautet die einhellige Meinung der InsideKino-Crew, dabei konnte ich den beiden ersten Filmen von Paul Thomas Anderson, der Der seidene Faden schrieb und inszenierte, durchaus etwas abgewinnen. Boogie Nights und Magnolia hatten beide ihre Momente, und auch sein aktuelles Werk besticht zunächst mit seinen schönen Bildern und einer behaglichen Atmosphäre.

Obwohl man Reynolds keine Sekunde lang leiden kann, ist er ein faszinierender Charakter, ein Muttersöhnchen, das den Geist seiner toten Mutter herbeifantasiert, ein kleingeistiger Pedant, der seine Tyrannei damit rechtfertigt, dass er schließlich ein sensibler Künstler sei. Dass Alma sich ausgerechnet in ihn verliebt, wird vor allem mit seiner beeindruckenden Weltläufigkeit begründet, seiner Eleganz und dem Hauch von Glamour, den er verkörpert. Alma lernt erst durch seinen Blick ihren Körper zu wertschätzen und entdeckt damit auch die Macht, die ihm innewohnt.

So entwickelt sich ein durchaus spannendes Duell zwischen den beiden ungleichen Naturellen, ein Ringen um die Oberherrschaft in einer Beziehung, die völlig leidenschaftslos bleibt. Es sind die Fünfziger, in denen die Frauen sich ihren Männern unterordnen und still sein sollen. Doch Alma begehrt nach und nach gegen diese Ordnung auf, sie bewahrt sich einen eigenen Kopf, gibt auch mal Kontra und träumt insgeheim von Heirat, einer gesellschaftlichen Legitimation ihrer Position. Wie sie diese erlangt, sei nicht verraten, zeugt aber von einer Abgründigkeit, die man der Figur niemals zugetraut hätte.

Sie kommt umso überraschender, als Alma weitgehend ein unbeschriebenes Blatt bleibt. Während Reynolds eine Biografie bekommt und sozial vernetzt ist, erfährt man über sie so gut wie nichts, was man entweder als ein Symbol für die soziale Benachteiligung des weiblichen Geschlechts in jener Dekade betrachten kann oder als schlichtes Desinteresse Andersons. Ein Manko ist es auf jeden Fall.

Trotz vieler guter Ansätze und einem abgründigen, nahezu perfiden Ende fällt der Film nach einer soliden ersten Hälfte stark ab, bekommt Längen und schafft es nicht, den Zuschauer an die Figuren zu binden. Vielleicht hätte Anderson uns doch mehr über Alma verraten sollen …

Note: 3-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...