Sicario 2

Ich war in letzter Zeit nicht so häufig im Kino wie ich gerne gegangen wäre. Mit etwas Glück wird es aber übernächste Woche etwas weniger stressig, so dass ich noch den einen oder anderen Streifen nachholen kann. Bis dahin geht es hier leider um etwas ältere Ware …

Sicario 2

Ein jemenitischer Terrorist wird beim illegalen Grenzübertritt in die USA erwischt und sprengt sich in die Luft, kurz darauf gibt es einen verheerenden Anschlag in einem Supermarkt. Washington ist besorgt, dass die mexikanischen Kartelle nun zusätzlich zu den Drogen und illegalen Einwanderern auch Terroristen ins Land schmuggeln könnten, und beauftragen daher Matt Graver (Josh Brolin) damit, einen Krieg zwischen den verfeindeten Organisationen anzuzetteln. Graver geht rabiat vor, indem er Isabel Reyes (Isabela Moner), die Tochter eines mächtigen Bosses, entführen lässt und die Schuld dafür dessen Rivalen in die Schuhe schiebt. Dabei hilft ihm Alejandro (Benicio Del Toro), dessen Familie einst von Reyes ermordet wurde …

Der Anfang ist packend und beängstigend, vor allem der Anschlag auf einen Supermarkt ist so realistisch in Szene gesetzt, dass man beim Zuschauen Beklemmungen bekommt und sich sofort an diverse reale Ereignisse aus den letzten Jahren erinnert fühlt. Regisseur Stefano Sollima versteht es gekonnt, auf der Klaviatur der Ängste zu spielen.

Ich muss sagen, dass ich mich an Sicario nicht mehr richtig erinnern kann, aber noch weiß, dass der Film mir damals gut gefallen hat und er sehr spannend war. Vage erinnere ich mich auch noch, dass darin die Geschichte von Alejandro erzählt wurde, und es gut gewesen wäre, wenn die Fortsetzung uns Zuschauer in ein paar kurzen Rückblenden oder einem Dialog noch einmal die Zusammenhänge vor Augen geführt hätte. Aber das bleibt leider aus, es wird nur erwähnt, dass Alejandros Familie von Reyes ermordet wurde.

Dabei wäre dieser Umstand wichtig gewesen, nicht so sehr für das Verständnis der Geschichte, sondern um die Figur sympathischer zu machen. Mehr noch: Um wenigstens eine sympathische Figur im Film zu haben, der man als Zuschauer bereitwillig folgt, auch wenn sie mitunter Dinge tut oder tun muss, die abscheulich sind. Wie beispielsweise die Entführung eines jungen Mädchens – das aber so arrogant und aggressiv geschildert wird, dass kein Mitleid für sie aufkommt. So gibt es in diesem Film keinen Platz für Menschen, die man mag oder für die man sich wirklich interessiert. Das gilt auch für Josh Brolin, der wieder einmal den abgebrühten Geheimdienstkämpfer und Mann fürs Grobe spielt und niemand ist, den man auf ein Schwätzchen zu sich nach Hause einladen würde.

Neben Isabel Reyes gibt es noch einen weiteren Teenager, Miguel (Elijah Rodriguez), der von einem Kartell rekrutiert wird und innerhalb kürzester Zeit zum Menschenschmuggler aufsteigt. Eine Entwicklung, die nicht leicht nachvollziehbar und wenig plausibel ist, aber die Figur scheint es ohnehin nur zu geben, damit der Bezug zum Titel nicht vollständig verloren geht, denn mit den eigentlichen Sicarios der Kartelle hat der Film nichts mehr zu tun.

In der ersten Hälfte funktioniert die Geschichte noch ganz gut. Sie hat einen spannenden Anfang, eine interessante Wendung, aber sobald sich Gravers Plan entfaltet, geht alles furchtbar schief. Sowohl in der Story, die eine überraschende, aber nur beiläufig erwähnte Wendung nimmt, als auch mit dem Film selbst.

In der zweiten Hälfte passt in dem furchtbaren Drehbuch von Taylor Sheridan einfach nichts mehr zusammen. Weil man zu wenig über die Figuren und ihre Hintergründe erfahren hat und es auch keinerlei emotionale Verbindungen zwischen ihnen gibt, wirken manche ihrer Handlungen willkürlich und unbegründet. Etliche Ereignisse, die unvermittelt eintreten, ergeben keinerlei Sinn und werden auch nicht erklärt, so dass sich die Story schneller aufzulösen beginnt als ein Stück Würfelzucker in heißem Tee. Dazu stellen sich etliche Längen und eine Langeweile ein, die die gelungenere erste Hälfte schnell wieder vergessen lassen. Gegen Ende deutet sich dann noch eine Entwicklung an, die auf einen dritten Teil hinweist, in dem die Geschichte – oder das, was davon noch übrig ist – weitererzählt werden soll. Nur interessiert das zu diesem Zeitpunkt schon niemanden mehr.

Wirklich schade, dass nach dem guten ersten Teil und dem ordentlichen Trailer eine solche Nullnummer herausgekommen ist.

Note: 4-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...