Alpha

Vor einer Woche habe ich beklagt, dass ich kaum Zeit hatte, ins Kino zu gehen. Die gute Nachricht ist: Ich habe es in den letzten Tagen gleich drei Mal geschafft, mir einen Film auf der großen Leinwand anzuschauen. Jetzt fehlen mir noch mindestens fünf weitere Streifen, auf die ich neugierig bin …

In einem Film, den ich gesehen habe, ging es um die Frage: Wie ist die Menschheit auf den Hund gekommen?

Alpha

Vor 20.000 Jahren, irgendwo in Europa: Die Lebensbedingungen für die Menschen sind hart und erfordern großen Einfallsreichtum und Geschick. Tau (Jóhannes Haukur Jóhannesson) nimmt zum ersten Mal seinen Sohn Keda (Kodi Smit-McPhee) mit auf die Jagd. Dabei passiert jedoch ein Unglück und Keda stürzt eine Klippe hinunter. Im Glauben, sein Sohn ist tot, machen sich Tau und seine übrigen Männer schweren Herzens auf die Heimreise. Doch Keda hat überlebt und muss sich nun allein durch die Wildnis zurück zu seinem Dorf kämpfen. Als er von Wölfen angegriffen wird, kann er einen davon verletzen und die anderen vertreiben. Er bringt es aber nicht übers Herz, das verletzte Tier zu töten, sondern pflegt es gesund – der Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft …

Der Film von Albert Hughes erzählt eine einfache Geschichte: Zum einen geht es darum, wie Keda sich in der Wildnis behauptet und seinen Verletzungen und Angriffen durch wilde Tiere zum Trotz wieder nach Hause findet, zum anderen handelt sie davon, wie Mensch und Wolf zum ersten Mal eine Partnerschaft eingehen und damit den Kurs der Menschheitsgeschichte ändern.

Drehbuchautor Daniele Sebastian Wiedenhaupt beginnt mit dem ziemlich spannend inszenierten Unfall, durch den Keda von seiner Gruppe getrennt wird, und springt dann zurück, um mehr über den Helden und die Lebensbedingungen vor 20.000 Jahren zu erzählen. Stellenweise erinnert die Darstellung des dörflichen Lebens dabei an eine Doku, dann wieder wirkt das Ganze wie ein experimentelles Reinactment. Wir sehen, wie die Jugend Steinkeil-Pfeilspitzen bastelt, um sich für die Jagd zu qualifizieren, wir erfahren, wie gefährlich das Leben damals war, wenn ein Mitglied der Jagdgesellschaft von einem Raubtier gerissen wird, dazu kommt eine Prise Schamanismus und einige steinzeitliche Lebensweisheiten. Das wird nicht übermäßig temporeich, aber doch anschaulich und solide erzählt. Außerdem wachsen einem Keda und sein Vater Tau schnell ans Herz, weshalb es umso trauriger ist, wenn Tau den vermeintlichen Verlust seines Kindes beklagt.

Natürlich wissen wir Zuschauer da schon längst, dass Keda noch lebt. Wie er sich nun in der feindlichen Umgebung behauptet, seine Wunden behandelt, Nahrung und Feuer beschafft und sich darüber hinaus noch um den verletzten Wolf kümmert, ist gut erzählt. Seine anfängliche Schwäche – sein weiches Herz – erweist sich schlussendlich als größte Stärke. Auch die Art und Weise, wie sich Mensch und Wolf zuerst belauern, sogar bekämpfen, dann aber langsam aufeinander zugehen und schließlich eine Partnerschaft eingehen, um zu überleben, ist sehr schön geschildert. Darüber hinaus werden die beiden Reisenden immer wieder mit neuen Gefahren konfrontiert, sei es der hereinbrechende Winter oder der Angriff von Raubtieren. So kommt immer wieder Spannung auf und wird demonstriert, wie gut sich Mensch und Wolf ergänzen und ihre Zusammenarbeit immer stärker intensivieren.

Hughes arbeitet geschickt die Parallelen zwischen dem Gruppentier Mensch und dem Rudeltier Wolf heraus, die eine Symbiose begünstigen und ein Miteinander leichter machen. Auch wenn es von der Entdeckung, dass man sich bei der Jagd perfekt ergänzt und man sogar miteinander spielen kann, bis zum Hundefriseur und der Hundeschule noch ein weiter zivilisatorischer Weg ist …

Ein dickes Plus sind auch die betörend schönen Bilder von Kameramann Martin Gschlacht, die dieses spannende und stellenweise sogar anrührende Steinzeitdrama zu einem besonderen Erlebnis machen.

Note: 2-

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Pi Jays Corner und verschlagwortet mit von Pi Jay. Permanenter Link zum Eintrag.

Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...