Atypical

Manchmal muss es ein Betthupferl sein. Wer kennt das nicht? Man hat sich einen Film oder ein paar Serienfolgen angeschaut, ist aber noch nicht müde genug, um ins Bett gehen. Oder man hat Lust, nach einem melancholischen Drama noch etwas Leichteres zu sehen. Wenn das bei mir in den letzten Wochen der Fall war, habe ich mir Atypical angeschaut.

Die Serie von Robia Rashid handelt von Sam Gardner (Keir Gilchrist), einem 18jährigen Autisten, der gerade dabei ist, die High-School abzuschließen und sich auf das Leben vorzubereiten. Wie viele andere Teenager auch, nur ist er eingeschränkter als andere, hat Probleme, soziale Kontakte zu knüpfen, menschliche Verhaltensweisen zu verstehen und sich an neue Dinge zu gewöhnen. Aber er will ein selbstständigeres Leben führen, eine Freundin finden, vielleicht sogar studieren. Wie er das alles bewältigt und dabei jede Menge Hindernisse überwinden muss, die wir alle kennen, die aber aufgrund seines Autismus potenziert werden, wird so humorvoll, nachdenklich und liebenswert erzählt, dass man süchtig nach dieser Serie wird.

Neben Sam geht es noch um seine Familie, seine manchmal etwas überfürsorgliche Mutter (Jennifer Jason Leigh), die lernen muss, ihrem Sohn mehr Freiheiten zuzugestehen und die ihre Ehe in eine schwere Krise führt. Ihr Mann Doug (Michael Rapaport) hingegen hat lange mit dem Autismus seines Sohnes gehadert und ist immer noch nicht richtig in seine Rolle hineingewachsen. Und dann gibt es noch Casey (Brigette Lundy-Paine), Sams jüngere Schwester, die jedoch mehr auf ihn aufpassen muss als umgekehrt und die eine begabte Läuferin ist. Sie alle haben ihre eigenen Probleme, manche hausgemacht, andere resultieren aus den Veränderungen, die das Leben mit sich bringt.

Zu den wichtigsten Nebenfiguren gehören noch Sams schräger Freund Zahid (Nik Dodani), seine Therapeutin Julia (Amy Okuda) sowie Caseys Freund Evan (Graham Rogers) und Sams On- und Off-Freundin Paige (Jenna Boyd). Sie alle bringen ihre eigenen Geschichten mit und bereichern mit ihren mitunter skurrilen Charaktereigenschaften das Bild der Familie Gardner.

Man lernt eine Menge über Autismus und die Bedürfnisse von Menschen mit dieser Störung, hat aber nie das Gefühl, das dieser Aspekt aufgesetzt wirkt oder komödiantisch ausgeschlachtet wird. Atypical ist auch keine reine Komödie, sondern eher eine Dramödie, die jeweiligen Folgen sind auch nicht in sich abgeschlossen, wiewohl es durchaus vorkommt, dass manche Episoden bestimmte Ereignisse behandeln und zu einem Ende erzählen, sondern eine lange, turbulente, manchmal nachdenkliche, manchmal lustige Familiengeschichte.

Bei Netflix gibt es zur Zeit zwei Staffeln mit insgesamt 18 rund halbstündigen Folgen, die viel zu schnell aufgebraucht waren. Jetzt brauche ich wohl ein neues Betthupferl.

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...