Bad Times at the El Royale

Ein paar Tage noch, dann entzünden wir die erste Kerze am Adventskranz. Tja, und dann ist auch schon fast wieder Weihnachten. Zeit also, sich einen besinnlichen Film anzuschauen, der von menschlicher Güte, Großzügigkeit und Frieden auf Erden handelt. Oder …

Bad Times at the El Royale

Ende der Fünfziger versteckt ein Mann eine Reisetasche voller Geld unter dem Boden in seinem Hotelzimmer, bevor er am nächsten Morgen plötzlich erschossen wird. Zehn Jahre später – das einst bekannte Hotel El Royale hat seine Glanzzeiten zu diesem Zeitpunkt bereits hinter sich – checken einige Fremde ein: ein katholischer Priester (Jeff Bridges), die Sängerin Darlene (Cynthia Erivo), der Staubsauervertreter Laramie (Jon Hamm) sowie die unangepasste Emily (Dakota Johnson). Jeder von ihnen hat etwas zu verbergen oder ist in ein Verbrechen verstrickt, und sogar das El Royale hat ein düsteres Geheimnis …

Je weniger man über diesen Film weiß, desto bessere Chancen hat man vielleicht, ihn zu mögen. Ich war schon nach der Sichtung des Trailers skeptisch, ob der neue Film von Drew Goddard (Buch und Regie) halten kann, was er verspricht. Hinzukommt, dass der Film wirkt wie eine Hommage an Quentin Tarantino und aussieht wie eine Kreuzung aus Four Rooms (der bei uns scheinbar unter dem dämlichen Titel Silvester in fremden Betten firmiert) und Identität – Identity. Beide haben mir damals nicht gefallen.

Wer sich also überraschen und von dem positiven Feedback vieler Zuschauer leiten lassen will, sollte den Rest dieses Artikels eher nicht lesen, denn mir hat der Film leider nicht besonders gefallen. Er ist allerdings auch keine Katastrophe, sondern einfach nur langweilig. Um das genauer zu begründen, muss ich allerdings spoilern …

Das El Royale ist ein Hotel, das genau auf der Grenze von Kalifornien und Nevada steht, weshalb in einer Hälfte Glücksspiel erlaubt ist. So ein Hotel gibt es tatsächlich, aber das ist für die Geschichte nicht relevant. Dass das El Royal diese geografische Besonderheit aufweist, übrigens auch nicht, es ist nur ein Gimmick, von dem man mehr erwartet als man am Ende bekommt, das geheimnisvoll wirkt ohne es zu sein – genau wie der ganze Film.

Die ganze Geschichte lebt davon, dass fast jeder Gast des Hotels sowie der Manager Miles (Lewis Pullman) ein Geheimnis besitzt, das nahezu immer mit einem Verbrechen in Verbindung steht. Der falsche Priester sucht nach dem versteckten Geld, Emily hat ihre Schwester Ruth (Cailee Spaeny) aus den Fängen einer Sekte befreit, und Laramie arbeitet fürs FBI und soll die Wanzen von einer Abhöraktion aus einem Zimmer entfernen. Doch dabei stößt er auf weiteres Spionage-Equipment und kommt dahinter, dass die Mafia die Geschehnisse auf den Zimmern heimlich dokumentiert, um damit Berühmtheiten zu erpressen, die früher in dem Hotel zu Gast waren. So gibt es auch einen McGuffin in Form eines belastenden Films, auf dem ein inzwischen verstorbener Senator (vermutlich Robert Kennedy) etwas sehr Verbotenes tut. Als Laramie den geheimen Gang hinter den Zimmern untersucht und dabei durch den Spionagespiegel sieht, wie Emily Ruth an einen Stuhl bindet, will er das vermeintliche Entführungsopfer retten – was ihm Hoover persönlich streng verbietet. Dass er sich nicht daran hält, lässt die Geschehnisse im Hotel endgültig eskalieren.

An und für sich ist diese Konstellation nicht schlecht ausgedacht, hemmungslos übertrieben zwar, aber auch vielversprechend. Das Problem ist nur, dass Goddard sich wenig Mühe macht, dem Zuschauer die Figuren näherzubringen. Wenn man aber behauptet, dass Laramie den Anweisungen seines obersten Bosses zuwiderhandelt, sollte man wissen, warum er es tut. Und es wäre zugleich interessant zu wissen, warum er absolut nicht eingreifen soll. Goddard suggeriert hier ein großes Geheimnis, dass das FBI vielleicht viel mehr über die vermeintliche Entführung weiß als es zugibt, liefert darauf aber nie eine Antwort, und über Laramies Gründe erfährt man später auch nichts mehr. So wird ein Handlungsstrang unbefriedigend erzählt und abrupt beendet. Immerhin das kommt überraschend.

Goddard kombiniert einige stereotype Figuren mit klischeehaften Handlungselementen und erwartet, dass der Zuschauer sich den Rest selbst zusammenreimt. Manche Kritiker sind davon begeistert. Man könnte es aber auch schlechtes Storytelling nennen. Statt einer richtigen Geschichte liefert Goddard nur einige Anekdoten, die ineinander verschränkt sind und sich wechselseitig beeinflussen. Interessant ist keine davon, und spannend inszeniert ist das alles leider auch nicht. So schleppt sich die Story, die mehr Wendungen als eine Bergstraße in den Alpen hat, mühevoll dahin und ist mindestens eine halbe Stunde zu lang.

Sympathisch sind von all den Figuren lediglich der Priester und die Sängerin, der eine, weil er ein klares Ziel verfolgt, von dem wir wissen wollen, ob er es erreicht, die andere, weil sie kein Abziehbild ist, sondern authentisch wirkt – und als einzige keine geheimen Absichten verfolgt. Sehr mühsam erzählt ist dagegen das Schicksal der beiden Schwestern, die auf der Flucht vor einem fanatischen Sektenanführer à la Charles Manson sind, der in Gestalt von Chris Hemsworth im letzten Drittel noch auftaucht und die Karten noch einmal neu mischt. Hier merkt man, dass Goddard einem Tarantino in punkto origineller Dialoge einfach nicht das Wasser reichen kann. Außer endlos langen und langweiligen Monologen und einigen eindrucksvollen Bauchmuskeln hat Hemsworths Figur leider überhaupt nichts anzubieten.

Alle Figuren schweben in Lebensgefahr, und viele von ihnen werden die Nacht nicht überleben. Weil man sie aber nie wirklich kennenlernt und die wenigsten von ihnen mag, ist einem ihr Schicksal jedoch ziemlich gleichgültig. Dass das Ganze dennoch kein komplettes Desaster ist, verdankt Goddard allein seinen gut aufgelegten Schauspielern, allen voran der stimmgewaltigen Cynthia Erivo. Und die Musik ist auch toll.

Note: 4

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...