A Star Is Born

2019 wird ein erfolgreiches, vielversprechendes Jahr. Zumindest für mich, wenn ich abergläubisch wäre, denn auf meinem gestrigen Sonntagsspaziergang hat mir ein Vogel auf die Schulter gesch… Soll ja Glück bringen, wenn man an so etwas glaubt. Allen Lesern an dieser Stelle ein filmvergnügtes, frohes neues Jahr! Mögen die Vögel immer tief fliegen – oder so …

Bevor ich in ein paar Wochen wieder auf 2018 zurückblicke, muss ich einige Kritiken nachreichen, die bislang noch in der digitalen Schublade schlummern. Beginnen wir heute mit dem Remake eines bekannten Klassikers.

A Star Is Born

Jack (Bradley Cooper) ist ein berühmter Rockstar, der dem Alkohol etwas zu sehr zugetan ist. Als er eines Abends nach einem Konzert noch etwas trinken gehen will, landet er in einer Drag-Bar, in der zufällig die Kellnerin Abby (Lady Gaga) einen Live-Auftritt hat – und ihn mit ihrer Stimme und ihrer Performance bezaubert. Die beiden unterhalten sich, kommen sich langsam näher, und am nächsten Tag lädt Jack Abby ein, mit ihm auf der Bühne aufzutreten und ein Lied zu präsentieren, das sie gemeinsam in der Nacht zuvor geschrieben haben. Abbys Auftritt kommt fantastisch an, sie werden ein Paar und gehen auf Tour. Bald erhält Abby das Angebot, eine Solokarriere zu starten, und schlägt eine andere musikalische Richtung ein. Gleichzeitig geht es Jack immer schlechter, er trinkt zu viel und sein Gehör lässt nach. Das Paar wird auf eine schwere Probe gestellt.

„Allem Anfang wohnt ein Zauber inne“, schrieb Hermann Hesse, und der Anfang von A Star Is Born ist in der Tat ein zauberhaftes Märchen à la Aschenputtel. Von der Kellnerin zum gefeierten Star in einer Nacht. Das sind die modernen Märchen. Die Begegnung zwischen Jack und Abby, ihr langsames Kennenlernen, sich Verlieben, der erste gemeinsame Auftritt – das alles sind Gänsehautmomente, perfekt geschrieben (zusammen mit Eric Roth und Will Fetters) und inszeniert von Bradley Cooper. Die Oscarnominierung dürfte ihm damit vermutlich schon sicher sein, denn die Acadamy liebt bekanntlich regieführende Schauspieler.

In seiner Inszenierung bleibt Cooper stets nah dran an seinen Figuren, zumindest physisch rückt er ihnen mit der Kamera ständig zu Leibe. Auch emotional holt er alles aus ihnen heraus, was man sich vorstellen kann: Verliebtheit, Lust, Freude, Eifersucht, Trauer – die gesamte Gefühlspalette wird vor dem Zuschauer ausgebreitet, wie man es von einem großen Hollywood-Melodram erwartet, und Cooper und – ganz besonders – Lady Gaga spielen auch beide hervorragend.

Und doch … Nach dem großartigen Beginn, bei dem man auch unbedingt die kraftvolle Musik erwähnen sollte, die einen Großteil der Begeisterung ausmacht, selbst wenn man (okay, ich) diese Art von Rock eigentlich überhaupt nicht mag, tritt der Film jedoch schon bald auf der Stelle. Man erfährt leider so gut wie nichts über die Figuren, von Jack weiß man immerhin, dass er einen bewunderten, aber schwierigen Vater hatte, und von seinem Bruder (Sam Elliot) aufgezogen wurde. Hier deuten sich einige Konflikte und psychologische Defekte an, die aber über die bloße Erwähnung hinaus kaum eine Rolle spielen. Abby bleibt jedoch weitgehend ein unbeschriebenes Blatt, man erfährt noch von ihren Schwierigkeiten, im Business Fuß zu fassen, die sie auf ihre große Nase zurückführt, ansonsten bleibt sie als Figur erschreckend blass.

Seltsam ist, dass die Schattenseiten des Ruhms nahezu vollständig ausgespart werden. Dabei wäre es interessant zu sehen, wie Abby mit ihrer plötzlichen Bekanntheit umgeht, wie dadurch Freundschaften zerstört werden oder falsche Freunde sich an sie heranmachen. Doch die Welt außerhalb dieser Jack-und-Abby-Blase scheint praktisch nicht zu interessieren. Und auch die von Abby erwähnte Kritik an ihrem Aussehen, mit der sie laut ihrer Aussage in der Vergangenheit konfrontiert war, spielt plötzlich keine Rolle mehr. Nur einmal wird ihr nahegelegt, eine andere Haarfarbe auszuprobieren. Der Druck, ein bestimmtes Image aufzubauen und zu bedienen, bis man als Privatperson fast dahinter verschwindet, der zumindest im Subtext mitschwingt, kommt gar nicht zur Sprache. Was sehr schade ist.

Man kann verstehen, dass Cooper sich allein auf das Paar konzentrieren wollte, vor allem auf den langsamen Abstieg von Jack, der sich mit dem Alkohol selbst zerstört und auch seine Beziehung zu Abby gefährdet. Gerade dieser Aspekt hätte viel hergegeben, aber die Liebe der beiden ist so stark, dass sie fast alles aushält und alles verzeiht. Das ist zwar rührend, dramatisch aber wenig hilfreich – allen zur Schau gestellten Emotionen zum Trotz. Weshalb der Film auch ungefähr eine halbe Stunde zu lang ist.

Insgesamt eine gut gespielte Power-Beziehung mit Power-Musik, aber weit davon entfernt, auch ein gutes Drama zu sein.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...